Der Kalte Krieg ist seit einem Vierteljahrhundert vorbei. Doch auf dem Nato-Gipfel, der an diesem Donnerstag in Wales beginnt, wird wieder der Eiseshauch des überwunden geglaubten Ost-West-Konflikts wehen. "Zurück in die Zukunft" könnte als Motto über diesem Treffen der westlichen Staats- und Regierungschefs stehen. Wladimir Putin hat es mit seiner Aggression gegen die Ukraine geschafft, das mürbe gewordene Bündnis zu revitalisieren.

Eigentlich sollte es in Wales vor allem um Afghanistan gehen. Ende des Jahres ziehen dort die letzten Nato-Truppen ab, und wie dann der Frieden gewahrt werden kann, das war bis vor Kurzem die drängendste Frage, welche die Militärplaner in Brüssel umtrieb. Aber die Zeit der "Expeditionen" sei erst einmal vorbei, stellt die Financial Times fest; jetzt gehe es darum, den "russischen Revisionismus abzuschrecken".

Die Nato wendet sich wieder ihrer Kernaufgabe zu, der Verteidigung des Bündnisgebiets. Und blickt dabei nach Osten. Der Gipfel wird einen Bereitschaftsaktionsplan beschließen, der den baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, aber auch osteuropäischen Ländern wie Polen und Rumänien die Sorge nehmen soll, ähnlich wie die Ukraine von Russland bedroht oder gar angegriffen zu werden.

Kern dieses Aktionsplans ist der Aufbau einer schnellen Eingreiftruppe, die binnen zwei Tagen an Ort und Stelle sein kann. Auch die Bundeswehr wird dafür Soldaten bereitstellen. Und an der östlichen Grenze der Nato werden neue Kasernen gebaut und Munitionsdepots eingerichtet.

Es ist abenteuerlich, wie rasend schnell die militärische Logik die Oberhand über das politische Denken und die Diplomatie zu gewinnen beginnt. Immerhin stemmt sich die Bundesregierung dagegen, die Nato-Russland-Grundakte von 1997 aufzukündigen, in der das Bündnis auf die dauerhafte Stationierung von Nato-Kampftruppen in Osteuropa verzichtet. Andere, darunter die Balten und die Polen, würden die Vereinbarung gern kippen. Begründung: Entspannungsillusionismus!

Dabei macht sich auch in Berlin niemand mehr Illusionen. Russland sei wieder vom Partner zum Gegner geworden, heißt es in Regierungskreisen. Man habe im Gespräch mit Putin alles versucht und nichts erreicht. Die Lage sei brandgefährlich.

Fassungslos verfolgt auch ein stets um das Gespräch mit Moskau bemühter diplomatischer und strategischer Kopf wie Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, die Kämpfe im Osten der Ukraine: "Etwas nahezu Unvorstellbares ist Realität geworden: ein Krieg in Europa." Russland könne "nicht länger als unser 'strategischer Partner' bezeichnet werden", schreibt Ischinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Aber natürlich plädiert er dafür, im Rahmen einer "Doppelstrategie" den Dialog mit Putin fortzusetzen.

Einen anderen Weg gibt es nicht. Mögen die Kalten Krieger schon wieder ganz heiß sein. Mögen konservative Kommentatoren die "Leisetreterei des Westens" attackieren und über das "Entspannungs-Mantra früherer Tage" spotten. Die Wahrheit ist: Ließe sich der Westen auf Putins militärische Logik ein, könnte die Ukraine-Krise sehr schnell außer Kontrolle geraten.

Glücklicherweise sind bei uns keine Heißsporne an der Macht. Barack Obama wie Angela Merkel lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Nato zu ihren Bündnisverpflichtungen steht; das wird der amerikanische Präsident an diesem Mittwoch bei seinem Besuch in Estland noch einmal bekräftigen. Aber beide wissen auch und sagen deutlich, dass es eine militärische Lösung der Krise um die Ukraine nicht gibt, dass der Westen keine Waffen und keine Soldaten schicken wird.

Noch regiert in den Hauptstädten des Westens kühle Vernunft. Das immerhin ist beruhigend zu wissen – hundert Jahre nach Beginn des Ersten und 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges.