"Ich bin gekommen, um zu helfen", hatte Jean-Claude Duvalier bei seiner überraschenden Rückkehr nach Haiti vor drei Jahren gesagt. Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben, das mindestens 250.000 Menschen das Leben kostete, betrat er wieder den Boden des Landes, das er 1986 mit Schimpf und Schande verlassen musste. Das Letzte, was die leidgeprüften Haitianer gebrauchen konnten, war eine Neuauflage der Duvalier-Diktatur. Es waren wohl die vielen Hilfsmilliarden, die aus aller Welt nach Port-au-Prince strömten, die das Interesse des Duvalier-Clans weckten. Es gab wieder etwas zu verdienen in dem Land, dass die Familie Duvalier zuvor skrupellos ausgeplündert hatte. Die Befürchtungen der Opfer der schrecklichen Duvalier-Jahre, "Baby Doc" könne gar wieder nach der Macht greifen, bewahrheiteten sich allerdings nicht.

Die Herrschaft des Mannes, den alle Welt nur "Baby Doc" ruft, kostete mehr als 30.000 Menschen das Leben und trieb mehr als 100.000 Menschen in die Flucht. Gestützt hatte Duvalier seine Macht auf die gefürchteten Tontons Macoutes: Milizen, die willkürlich verhafteten, folterten und mordeten. Sie sollten Angst und Schrecken verbreiten und so Widerstand im Keim ersticken.

Gelernt hatte "Baby Doc" sein blutiges Regierungshandwerk von seinem Vater François Duvalier, alias "Papa Doc", der 1957 an die Macht kam und mithilfe des Militärs die Familien-Diktatur begründete. All das kam in der Erinnerung der Haitianer wieder hoch, als "Baby Doc" Duvalier 2011 sein "Hilfsangebot" unterbreitete.

Danach wurde es allerdings ruhig um den am Samstag im Alter von 63 Jahren an einem Herzinfarkt verstorbenen Ex-Diktator. Von seinen versprochenen Hilfsaktionen ist nichts überliefert aus Port-au-Prince, stattdessen berichteten lokale Medien, Duvalier habe in seinem Anwesen einen ruhigen Lebensabend verbracht. Mit vertrauten Mitstreitern aus dunklen Jahren an seiner Seite. Sie werden nun um die Pfründe des Reichtums des ehemaligen Machthabers streiten.

Fehlendes Interesse an einer Aufarbeitung

Dass Duvalier für seine Taten nie zur Rechenschaft gezogen wurde, liegt vor allem an zwei Umständen. Haitis Präsident Michel Martelly zeigte keinerlei Interesse daran, die Duvalier-Diktatur juristisch oder zumindest historisch aufzuarbeiten. Der ehemalige Musiker zeigte sich nach Bekanntwerden der Todesnachricht überraschend versöhnlich und verständnisvoll: "Auf dass Deine Seele in Frieden ruhe", twitterte Martelly. Worte, die nur wenig Hoffnung machen, dass sich der aktuelle Amtsinhaber doch noch um eine Aufarbeitung der Diktatur bemühen wird.

Duvalier selbst sah sich selbst ohnehin nicht als Tyrannen. Er habe vielmehr für einen Neuanfang in Haiti gesorgt, als er 1986 das Land freiwillig verließ, ließ er jüngst in einem Interview wissen. Immerhin brachte er eine halbherzige Entschuldigung für die Taten während der Diktatur zu Stande, wohlwissend, dass ihm keine Konsequenzen drohen.

Ganz so freiwillig wie Duvalier Haitis Neubeginn darstellte, war der Abschied nicht. Die Perspektivlosigkeit hatte das wütende Volk sogar die Furcht vor den Tontons Macoutes verlieren lassen. Haiti drohte ein Bürgerkrieg und der damals 34 Jahre alte Duvalier traf eine pragmatische Entscheidung.

Mit der Sicherheit der unterschlagenen und auf Schweizer Konten geparkten Milliarden floh er nach Frankreich, nicht ohne eine in Hinterzimmern ausgehandelte Zusage, dass ein "freiwilliger" Rückzug mit Straflosigkeit belohnt werde. Lieber in Saus und Braus leben, als bei einem unkalkulierbaren Bürgerkrieg den eigenen Untergang zu riskieren. Fast ein Vierteljahrhundert residierte Duvalier mehr oder weniger unbehelligt in Frankreich, ehe er sich zur Rückkehr nach Haiti entschloss. Dort konnte er immer noch auf eine Gefolgschaft jener Schichten zählen, die unter seiner Herrschaft profitierten.

Duvalier nimmt seine Taten mit ins Grab

Haitis Bevölkerung hat den Tod Duvaliers vergleichsweise gleichgültig aufgenommen. Die Mehrheit der Menschen hat ohnehin kein Vertrauen in die staatlichen Institutionen. In den vergangenen Jahren blockierten sich die haitianischen Politiker gegenseitig, wichtige Wahlen fielen einfach aus. Die haitianische Justiz hat allerdings eine große Chance verpasst, sich als eine von der Politik unabhängige Instanz zu profilieren und Vertrauen zurückzugewinnen.

Entsprechend frustriert sind die Menschenrechtsorganisationen. Der Tod Duvaliers raube den Haitianern die Möglichkeit, einen der größten Prozesse für die Menschenrechte in der Geschichte des Landes mitzuerleben, zeigte sich Reed Brody von Human Rights Watch (HRW) enttäuscht. HRW hatte in den letzten Jahren die Duvalier-Opfer beim Versuch unterstützt, den Diktator juristisch zur Rechenschaft zu ziehen. Dazu wird es nun nicht mehr kommen. Duvalier nimmt seine Taten mit ins Grab.