Im Wahlkampf-Endspurt der Präsidentschaftswahl in Brasilien muss die Amtsinhaberin Dilma Rousseff, die zuletzt in Umfragen klar vor ihrem Gegenkandidaten Aécio Neves lag, doch noch um ihre Wiederwahl bangen. Rousseffs Wahlkampagne wurde am Freitag von einem Medienbericht überschattet, der die Politikerin in einen Korruptionsskandal um den staatlich kontrollierten Ölkonzern Petrobras verwickelt sieht. In einer Fernsehdebatte mit ihrem Herausforderer empörte sich Rousseff am Freitagabend über den Magazinbericht, den sie als "Akt des Wahl-Terrorismus" bezeichnete.

Das Nachrichtenmagazin Veja berichtete unmittelbar vor der Fernsehdebatte, dass Rousseff über Korruption und Geldwäsche von Petrobras Bescheid gewusst haben soll und ihre Partei davon profitierte. Über Jahre hinweg sollen bei Vertragsabschlüssen des Konzerns drei Prozent der Vertragssumme illegal an politische Parteien geflossen sein, darunter an die regierende Arbeiterpartei PT von Dilma Rousseff. Die Zeitschrift berief sich auf den Schwarzmarkthändler Alberto Yousseff, der angab, er habe von Firmenaufträgen abgezweigte Schmiergelder in Millionenhöhe gewaschen. Beweise für diese Vorwürfe gab es nicht.

In der Fernsehdebatte griff Herausforderer Neves sogleich den Bericht auf und fragte Rousseff, ob sie von den Machenschaften gewusst habe. Die Präsidentin verneinte und warf ihm vor, die Manipulation anzuheizen. "Dieses Magazin agiert verleumderisch, und Sie unterstützen dies auch noch mit ihrer Frage", sagte Rousseff. "Sie versuchen, die Wahlen zu drehen. Die Leute sind nicht dumm; sie wissen, dass sie manipuliert werden."

Schon vorher hatte Rousseff in einem Wahlkampfvideo und einer Reihe von Tweets den Bericht gegeißelt. Das Magazin habe die Grenzen von Anstand und Ethik überschritten, ohne Beweise vorzulegen. Sie deutete rechtliche Schritte gegen die Publikation an. Neves hatte hingegen vor der Debatte von ernsten Vorwürfen gesprochen. Korruption war eines der wichtigen Wahlkampfthemen. Vor allem Neves versuchte, aus einer Reihe von Skandalen Profit zu schlagen. Auf Fragen von Zuschauern sagte er in der Sendung: "Der beste Weg, die Korruption in der Regierung zu beenden, ist es, die Arbeiterpartei aus der Regierung zu entfernen."

Debatte über schwache Konjunktur

Im Mittelpunkt der weiteren Debatte stand die Wirtschaftspolitik. Neves griff Rousseff vor allem wegen der Wirtschaftsflaute des größten südamerikanischen Landes an. Hatte Brasilien vor Rousseffs Amtsantritt 2010 noch eine Wachstumsrate von 7,5 Prozent, so werden für dieses Jahr weniger als 0,5 Prozent erwartet. Die Inflationsrate liegt über der von der Regierung gesetzten Marke von 6,5 Prozent. Neves griff Rousseff für deren Aussage an, dass die Inflation unter Kontrolle sei. "Das glaube ich nicht", sagte der Herausforderer.

Rousseff kritisierte ihrerseits die Wirtschaftsbilanz der Regierungsjahre der Sozialdemokratischen Partei und verwies auf die globale Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2008. "Wir haben uns dieser Krise gestellt und es nicht zugelassen, dass die Gehälter fallen", sagte die Präsidentin. 

Rousseff und Neves hatten sich in der ersten Wahlrunde am 5. Oktober als stärkste Bewerber durchgesetzt und stellen sich am Sonntag der Stichwahl. In letzten Umfragen lag die seit Anfang 2011 amtierende Rousseff von der Arbeiterpartei leicht vorn, doch gilt der etwas konservativere Neves keineswegs als chancenlos. Seine Sozialdemokratische Partei stellte zuletzt in den Jahren 1995 bis 2003 den Präsidenten; Neves selbst ist Ex-Gouverneur des wirtschaftsstarken Bundesstaates Minas Gerais.

Rousseff hatte in der ersten Runde der Wahl 42 Prozent der Stimmen bekommen, Neves 34 Prozent. Die zunächst hoch gehandelte Ex-Umweltministerin Marina Silva war mit lediglich 21 Prozent aus dem Rennen ausgeschieden. Am Sonntag sind rund 143 Millionen Wahlberechtigte zur Wahl aufgerufen, Ergebnisse werden in der Nacht zum Montag erwartet.