Eine Meeresbrise lässt die Menge vor dem Rathaus von Burgas frösteln. Mit "Pobeda-Pobeda – Sieg, Sieg"-Rufen versucht der Einpeitscher auf der Bühne das Publikum bei Laune zu halten. Der bullige Hoffnungsträger der rechten Gerb-Partei wird schließlich von einer lauten Hymne angekündigt. Sie plärrt geradezu aus den Lautsprechern. 

Nur Gerb könne ein "stabiles Bulgarien" schaffen, ruft Ex-Premier Bojko Borissow den mehreren hundert Anhängern zu: Ob Hallen, Plätze oder Klöster – "alle Städte, die von Gerb geführt werden, sind deutlich besser."

Die einfache Wortwahl ist sein Markenzeichen geblieben: Der Wahlkämpfer im dunkelblauen Anzug lächelt, als sei er nie weg gewesen. Dabei hatte der 55-Jährige erst vor 19 Monaten sein Amt niederlegen müssen. Damals gab es in Bulgarien wütende Sozialproteste wegen drastisch gestiegener Strompreise.

Nun kann sich der ehemalige Leibwächter Borissow berechtigte Hoffnungen machen, bei den Parlamentswahlen am Sonntag zum Nachfolger seiner mittlerweile drei Nachfolger gekürt zu werden: Die Umfragen sagen Gerb mit rund 36 Prozent einen klaren Sieg über die Dauerrivalen der sozialistischen Partei BSP voraus.

"Sind die Wähler so vergesslich?"

Die Karriere des einstigen Karate-Champions Borissow verlief ungewöhnlich: Im Nachwende-Bulgarien brachte er es vom Feuerwehrmann über den Bodyguard des letzten sozialistischen Autokraten bis in den Sessel des Regierungschefs. Sein Führungsstil als Staatschef war unorthodox und sprunghaft. Vergleichbar mit einem nationalen Rumpelsheriff: Minister wurden reihenweise geheuert und gefeuert, Borissow ließ das eigene Kabinett von dem unter seiner Ägide enorm ausgebauten Sicherheitsapparat abhören. Sein Dienstflugzeug fungierte er auch schon mal zum Mannschaftsbus für die eigene Fußballtruppe um.

Seine Rückkehr in die Politik wäre eine "Farce" stöhnt das Online-Portal e-vestnik: "Sind die Wähler so vergesslich? Wie kann man nur so eine ungebildete und arrogante Witzfigur, die die Gesetze mit Füßen tritt, gutheißen?"

Sein mögliches Comeback hat Borissow tatsächlich eher den Skandalen seiner Nachfolger als eigenen Meriten zu verdanken. Zuletzt führte der parteilose Premier Plamen Orescharski eine Koalition des Widersachsers BSP mit der als Partei der türkischen Minderheit geltenden DPS an und er ließ sich von der nationalistischen Ataka tolerieren. Das erwies sich als fataler Konstruktionsfehler.

Für einen Aufschrei der Empörung und monatelange Proteste sorgte auch die versuchte Ernennung des umstrittenen Medienmoguls Deljan Peewski (DPS) zum Geheimdienstchef. Mit dieser Personalie verspielten die neuen Machthaber im In- und Ausland früh jeden Kredit.

Bei den Europawahlen im Mai fuhren die Sozialisten hohe Verluste ein, dann brachte der Beinahe-Bankenkrach Anfang Juli die Koalition zu Sturz. Der von Peewski kräftig geschürte Oligarchen-Machtkampf um die Corpbank seines Rivalen Zwetan Wassilew ließ das heimische Bankensystem am Rande des Zusammenbruchs balancieren. Viel zu spät trat Premier Orescharski zurück.