Der Start ging gleich daneben: Dilma Rousseff, frisch als Präsidentin von Brasilien wiedergewählt, leistete sich in ihrer Siegesrede einen Patzer. Sie vergaß, ihren politischen Gegner zu erwähnen, den konservativen Herausforderer Aécio Neves. Der hatte in einer hart umkämpften Stichwahl 48 Prozent der gültigen Stimmen erhalten – und Rousseff bekam 52, ein denkbar knappes Ergebnis. "Ich will eine bessere Präsidentin sein als bisher", sagte Rousseff, bescheiden wie selten. Als Präsidentin aller Brasilianer wolle sie sich verstehen, und ihr Land müsse sich wieder einig werden – was man eben so sagt, wenn man eigentlich nur ganz knapp gewonnen hat und die Hälfte der Leute im anderen politischen Lager weiß. Dem Oppositionsführer jeglichen Respekt zu verweigern, ob es nun gewollt war oder ein Versehen, hilft dabei nicht.

Dies war keine ganz normale Wahl in Brasilien, und die kommenden vier Jahre werden für Rousseff keine ganz normale Amtszeit sein. Eher werden sie das Himmelfahrtskommando Dilma. Das Land ist tief gespalten, wie es das knappe Wahlergebnis schon ausdrückt: Die Präsidentin erreichte ihre hauchdünne Mehrheit vor allem, weil die armen Menschen des Landes für sie stimmten. Im weiterhin unterentwickelten Norden des Landes und in den Armutsgebieten der großen Städte dankten die Menschen der Präsidentin, dass sie und ihr Vorgänger Lula da Silva seit 2003 ein radikales Umverteilungsprogramm zu ihren Gunsten gestartet hatten, neue Formen der Sozialhilfe, sozialer Wohnungsbau, Infrastrukturinvestitionen.

Im reicheren Süden des Landes und in den besseren Teilen der Städte waren die Menschen für Aécio Neves, den Mann der Konservativen. Sie wünschen sich eine entfesselte Wirtschaft, weniger sozialistische Umverteilung und fordern "Leistung soll sich wieder lohnen".

Es ist schon schwer genug, diese unterschiedlichen Ansprüche und Bedürfnisse politisch unter einen Hut zu bringen – aber für Rousseff kommt erschwerend hinzu, das sie sich im Wahlkampf nicht gerade als Brückenbauerin etabliert hat. Das wochenlange Ringen mit zwei Wahlgängen geriet zu einem der schmutzigsten Wahlkämpfe der brasilianischen Geschichte, viel davon war Rousseffs Schuld.

Zuletzt artete das Geschimpfe derartig aus, dass die brasilianische Wahlkommission Fernseh-Wahlspots beider Lager einkassierte und Strafen aussprach. Die Präsidentin stellte ihren Widersacher bei Gelegenheit als unverantwortlichen Playboy dar, der betrunken Auto fährt, als Chauvinisten im Umgang mit Frauen und korrupten Politiker, der seine halbe Familie auf Regierungspöstchen hieve.