Kein Zweifel, Indonesiens neuer Präsident Joko Widodo steht für einen raschen gesellschaftlichen Wandel. Geradlinig, unbelastet und sauber – mit diesem Ruf hatte er die Wahl gegen einen Bewahrer alter Privilegien gewonnen: gegen Ex-General Prawobo Subianto, Schwiegersohn des verstorbenen Diktators Suharto. Als Garant des demokratischen und wirtschaftlichen Fortschritts wird Widodo gern porträtiert. Schon zu seinem Amtsantritt an diesem Montag aber spürt er den innenpolitischen Druck, denn die ethnischen und religiösen Konflikte des größten muslimisch geprägten Landes schwelen weiter. Der Bekämpfung des Terrors muss sich der 53-Jährige dringend stellen. Extremisten, die dem "Islamischen Staat" die Treue schwören, werden zur Gefahr. Fasst die Ideologie der Dschihadisten Fuß, droht eine politische Instabilität, die nur mit Afghanistan oder Pakistan zu vergleichen wäre.

Dass der extremistische Terror in Indonesien zuletzt eingedämmt werden konnte, ist dem scheidenden Präsidenten Susilo Bambang Yudhoyono zu verdanken. Zwei Jahre nach den Terroranschlägen der Gruppierung Jemaah Islamiyah auf Nachtclubs im Feriendomizil Bali mit mehr als 200 Toten und 300 Verletzten kam er 2004 ins Amt. Noch bis 2005 hielt die Terrorwelle an, weitere 70 Menschen starben bei Attentaten. Doch in der Folgezeit gelang es Yudhoyono, die innere Sicherheit weitgehend wiederherzustellen. Begünstigt nicht zuletzt durch einen Friedensvertrag mit der Aceh Sumatra National Liberation Front, die bis dahin militant für eine Loslösung der Provinz Aceh im Nordwesten Sumatras gekämpft hatte.

Das Beispiel Aceh ist ein Beleg dafür, wie brüchig der erzielte Frieden tatsächlich ist. Denn allen vertraglichen Vereinbarungen zum Trotz gehen die Autonomiebestrebungen in Aceh weiter. Und extremistische Ideen werden in die Praxis umgesetzt. Vor Kurzem erst verhängte die Provinzregierung neue, drakonische Strafen nach dem Scharia-Recht. Eine Scharia-Polizei begegnet Menschen, die vom strengen Islam abgefallen sind, mit harten Erziehungsmaßnahmen: Alkoholgenuss wird mit bis zu hundert Stockschlägen bestraft. Unverheirateten, die in flagranti erwischt werden, drohen Gefängnisstrafen.

Dschihad im Unterricht, Blicke voller Zorn

Die radikale Entwicklung Acehs widerspricht der Entwicklung des modernen, volkswirtschaftlich jährlich um fünf Prozent wachsenden Indonesiens. Mehrheitlich steht das Land für eine besonders moderate Form des Islams. Zudem wird das Land seit den ersten freien Wahlen 2004 weltweit als Demokratie anerkannt und trat dem Internationalen Pakt für Bürgerliche und Politische Rechte bei. Nach einer Studie des Pew Research Center in Washington erfahren die USA in der indonesischen Bevölkerung mehrheitlich Zustimmung – das ist ungewöhnlich für ein muslimisch geprägtes Land. Andere westliche Länder, darunter Deutschland, werden in Jakarta noch positiver bewertet.

Doch das beschreibt nur einen Teil der indonesischen Gesellschaft. Brutstätten extremistischen Terrors finden sich mitten auf Java, der mit 130 Millionen Menschen am stärksten bevölkerten Insel der Welt. Widodos Heimatstadt Surakarta in Zentral-Java, deren Bürgermeister er einst war, ist einer jener Plätze, an dem Extremisten weitgehend unbehelligt Kinder und Jugendliche indoktrinieren. Die Universitätsstadt mit rund 600.000 Einwohnern gilt als bedeutendes Zentrum javanischer Kultur – aber auch eines überhöhten Nationalismus und Islamismus. In einem Vorort unterrichtet die islamische Al-Mukmin Boarding School Kinder mit militärischem Drill. In langen Reihen und in Schuluniform müssen sich die Jungen zum morgendlichen Appell aufstellen. Ihre Fäuste sind geballt, die Blicke meist leer, nicht selten jedoch voller Zorn.

Gründer und früherer Lehrer der Schule ist der 76-jährige Abu Bakar Baschir, der aufgrund seiner Verstrickung in Terroraktionen 2011 zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Vereinten Nationen sehen in Baschir den geistigen Führer der extremistischen Vereinigungen Jemaah Islamiyah und Jemaah Ansharut Tauhid.  

Als wäre es eine Selbstverständlichkeit, berichtet der heutige Schulleiter, dass auch der Dschihad in der Al-Mukmin Boarding School unterrichtet werde. Dass er seine Schüler zu Terroranschlägen anstifte, bestreitet er. Doch die Liste der Absolventen liest sich wie das Who's who der indonesischen Terrorszene. 14 ehemalige Schüler werden von den Ermittlern mit den Anschlägen in Bali (2002) und Jakarta (2003/2009) in Verbindung gebracht. Zwar hat die Regierung Schulen wie Al-Mukmin in den vergangenen Jahren observieren lassen. Doch eine solche muslimische Schule schließen zu lassen, das erscheint – trotz eindeutiger Erkenntnisse – in Indonesien als undenkbar.