Der Fall brachte das Jugendstrafrecht buchstäblich an seine Grenzen: 2011 verurteilte ein Gericht im mexikanischen Bundesstaat Morelos den damals 14-jährigen Edgar Jiménez Lugo zur Höchststrafe von drei Jahren Haft. Mehr konnte es nicht geben, obwohl Lugo gestanden hatte, im Auftrag des Beltrán-Drogenkartells vier Menschen bestialisch getötet und enthauptet zu haben. Die Leichen hängte er mit Hilfe seiner Komplizen an eine Brücke in der Stadt Cuernavaca. Er gab an, unter Zwang und Einfluss von Rauschmitteln gestanden zu haben. Im Sommer 2014 wurde er wieder aus der Haft entlassen und in sein Geburtsland überführt: die USA.

Als jemand, der sich sonst vor allem mit dem Nahen Osten beschäftigt, meine ich, dass es sich lohnt, die obszönen Grausamkeiten und deren Inszenierung einmal durch andere Prismen zu betrachten: im Nahen Osten mit seinem sogenannten Islamischen Staat und dessen Enthauptungsindustrie ebenso wie in den Drogen- und Guerillakriegen der beiden Amerikas.

Wir richten unser Augenmerk derzeit vor allem auf das Einzigartige, nie Dagewesene, Monströse, das jener "Islamische Staat" heute für uns repräsentiert: eine reaktive Mischung aus religiösem Fanatismus, maßloser Gewaltanwendung und Endzeit-Euphorie. Eine Verhöhnung der Zivilisation. Ohne den Islam, ohne die pseudohistorischen Referenzen und das Gewürz einer obskuren Kalifatsidee wäre die Verfallszeit der Nachrichten zu dem IS sicher kürzer. Das liegt womöglich nicht nur an der mittelbaren Bedrohung, die von den Dschihadisten für Europa ausgeht, sondern auch daran, dass dieses ganze Treiben bar jeder Rationalität erscheint.

Grausame Gemeinsamkeiten

Mit der Gewalt in Mexiko, Honduras oder Kolumbien scheint das anders: Zunächst ist sie weit entfernt und zumindest scheinbar nicht unser Problem. Doch seit 2006 starben allein in Mexiko weit über 100.000 Menschen im Drogenkrieg, davon allein rund 24.000 im Jahr 2011. Hunderte wurden enthauptet – allein 49 an jenem 13. Mai 2012 beim sogenannten Cadereyta-Massaker im Bundesstaat Nuevo León. Das Kartell "Los Zetas" führte das Enthauptungsvideo als Markenzeichen ein – es ist heute beinahe gang und gäbe unter den Banden und wird auch an völlig unschuldigen Zivilisten exerziert.

Ein anderes Phänomen liegt schon weiter zurück, soll aber dennoch Erwähnung finden: Das berüchtigte Kartell von Medellín zündete Ende der 1980er Jahre Autobomben in den Straßen Bogotás und sprengte dabei Dutzende von Passanten in die Luft. Und bei den sogenannten Volksprozessen der maoistischen Guerillagruppe "Leuchtender Pfad" in Peru wurden laut Berichten der zuständigen Wahrheitskommission "Verräter" gesteinigt. Rechte paramilitärische Milizen, die gegen die FARC in Kolumbien kämpften, machten indes von ihren Taten reden, weil sie bei lebendigem Leib kastrierte Männer auf Marktplätzen aufhängten.

Anarchische Gewalt und krimineller Terror?

Wie kann es bis heute zu solch einer Verrohung und Entgrenzung von Gewalt kommen? Mit der Deutung, dass die IS-Dschihadisten nur alte orientalische Praktiken aufleben lassen – etwa die zu Zeiten Mohammeds unter arabischen Stämmen üblichen Verstümmelungsrituale – werden wir nicht weit kommen.

Vor allem aber glauben wir zu wissen, was der Narco-Terrorismus will: Macht und Geld. Dieser Zielerreichung dient das Verbreiten größtmöglichen Schreckens. Im Vergleich zur angeblichen Welteroberung durch "den Islam" erscheint das geradezu als vernünftige Zielmarke: Die Gesellschaft soll sich den Narcos beugen, Rivalen ihre Waffen strecken, Staaten sich mit ihnen arrangieren.

Der Narco-Terrorismus baut seinen "Staat" im Vergleich zum IS unsichtbar. Ohne schwarze Fahnen, ohne Scharia-Gerichte und religiös verbrämte Ideologie. Wobei auch das nicht ganz richtig ist: In Lateinamerika gab und gibt es ganze Provinzen, in denen Narcos herrschen. Mit eigenen Panzern, Schiedsgerichten, Geheimdiensten und ungeschriebenen, aber ehern geltenden Gesetzen.

Sie terrorisieren die Bevölkerung, verschaffen ihr aber auch Jobs und so etwas wie Sicherheit, die freilich eher einer Grabesruhe gleicht. Und sie praktizieren bisweilen eigene religiöse Kulte und huldigen eigenen spirituellen Führern. Manche Mafia-Bonzen, gleich ob lebendig oder tot, werden wie Götzen besungen und verehrt.