Scheich Matlb Ali Al-Mesary hat sein Aussehen drastisch verändert. Der Stammesführer aus Falludscha sieht jetzt aus wie ein normaler, gut gekleideter Iraker mit Anzug und Krawatte. Sein traditionelles langes Gewand, die weiße Kopfbedeckung und die schwarze Kordel hat er abgelegt. Seinen Stolz auch. Die vergangenen Jahre haben ihm schwer zugesetzt, ihn gedemütigt. Sechs Monate war er außer Landes. Als Al-Mesary in den Irak zurückkehrte, änderte er sein Leben, eröffnete eine Anwaltskanzlei in Bagdad und kümmert sich nun um Flüchtlinge. "Ich bin bedroht worden", sagt der Präsident der Konföderation patriotischer Stämme Iraks zur Erklärung seines Wandels. "Alle sunnitischen Scheichs von Anbar mussten um ihr Leben bangen."

Die Hetzjagd des früheren Premierministers Nuri al-Maliki gegen die Sunniten im Irak führte bis ins Wohnzimmer des Scheichs. Willkürlich hätten Soldaten der irakischen Armee Häuser und Wohnungen in Falludscha, Ramadi und anderen Städten der Provinz Anbar überfallen, die unmittelbar im Westen an Bagdad grenzt. Sie hätten alle Waffen beschlagnahmt, die sie finden konnten, und viele Männer und auch Frauen verhaftet, die sie des Terrors verdächtigten. "Die Soldaten waren Schiiten, so wie der Regierungschef", sagt Al-Mesary. "Sie machten uns wehrlos."

Als der Bürgerkrieg zwischen 2006 und 2008 in Bagdad und Umgebung tobte, wurde Falludscha für die Amerikaner zum Inferno: Hier verzeichneten sie ihre größten Verluste, zwei Militäroperationen brachten nur mäßigen Erfolg. Der Irak drohte damals vollends in Chaos und Anarchie zu verfallen. In buchstäblich letzter Minute schmiedete General David Petraeus, der damalige Oberkommandierende der US-Truppen, eine Allianz mit den Stammesführern. Die "Sons of Iraq" – die Söhne Iraks – wie Petraeus die sunnitischen Stammesmitglieder nannte, wurden bewaffnet und erhielten einen Monatslohn. Für ihren Einsatz gegen die Kämpfer von Al-Kaida versprach Petraeus die spätere Eingliederung in die neue irakische Armee. Von da an ging die Zahl der Anschläge bedeutend zurück, Al-Kaida-Terroristen wurden getötet, inhaftiert oder außer Landes getrieben. Die Amerikaner sprachen schließlich vom Sieg und bereiteten ihren Abzug aus dem Irak vor. Als Vermächtnis gab die US-Regierung Premier Al-Maliki noch mit auf den Weg, sich um die Sunniten zu kümmern. Er solle die Söhne Iraks weiter bezahlen und sie zu Polizisten oder Armeeangehörigen machen.

Doch dieser dachte gar nicht daran: Mit allen Mitteln baute er die Macht der Schiiten aus. Im Hotelwesen, der Gastronomie, in den produzierenden Betrieben, in der Kunst: überall verschwanden Sunniten und wurden durch Schiiten ersetzt. Nicht die Qualifikation der Bewerber zählte, sondern deren Religionszugehörigkeit. "Die schiitischen Stammesführer bekamen alles", erzählt Al-Mesary. Waffen, Ausrüstung, Geld, jegliche Unterstützung. "Wir hatten zum Schluss nichts mehr, konnten nicht mal mehr unsere Familien richtig ernähren." Da sei es ein Leichtes für die Terrorgruppe des "Islamischen Staates" (IS) gewesen, in Anbar Fuß zu fassen.

Der IS schickt Kämpfer aus Kobani

Seit Januar halten die islamistischen Terroristen bereits Falludscha unter ihrer Kontrolle. Nun versuchen sie, den Rest der Provinz zu erobern: Anbar ist die flächenmäßig größte der insgesamt 18 Provinzen Iraks und grenzt an Syrien und Jordanien. 80 Prozent des Gebiets soll inzwischen in der Hand des IS sein. Der Gouverneur der Provinz lancierte Anfang der Woche einen Hilferuf, indem er ausländische Truppen forderte. Die irakische Armee und die Polizeikräfte werden der Lage nicht mehr Herr. Scheich Matlb Ali Al-Mesary will erfahren haben, dass jetzt viele IS-Kämpfer von Kobani hierher geschickt werden. Sollte Anbar gänzlich unter die Kontrolle des IS fallen, stünden die Dschihadisten acht Kilometer vor Bagdad. Aber noch ist es nicht soweit.

Doch die Anschläge in der Hauptstadt mehren sich. Kein Tag vergeht ohne Explosionen. Mehr als 50 Tote täglich sind keine Seltenheit, die Opferzahlen haben den Stand von 2006 erreicht, als das Land immer tiefer ins Chaos rutschte.

Trotzdem nehmen die Bagdader die Bedrohung zumeist gelassen auf. "Das ist doch logisch", kommentiert ein Taxifahrer die derzeitige Situation und spricht damit stellvertretend für viele. "Die Terrorbande wird jetzt von allen Seiten bekämpft, da schlagen sie um sich." Er habe keine Angst, sagt der 58-jährige Mann. Es gäbe so viele, die Bagdad verteidigen: Das Eingreifen der Amerikaner und Europäer hat eine positive psychologische Wirkung auf die Hauptstädter, auch wenn manche Politiker sich nicht wohl dabei fühlen.

Im Irak existiert ein Graben zwischen der politischen Klasse und dem Volk, der derzeit unter der Anspannung noch deutlicher wird. "Alle Politiker wollen die Teilung Iraks", erklärt der Scheich die Diskrepanz, "das Volk will das nicht." Gerade die Stämme könnten eigentlich eine größere Rolle für den Zusammenhalt des Landes spielen, weil in ihren Reihen sowohl Sunniten als auch Schiiten zu finden sind. Aber Al-Maliki habe die Stämme mit seiner Politik gespalten und aus Stammesführern Politiker gemacht. Das sei der Kern des Problems.