Trotz der Luftangriffe der USA setzt die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) ihre Angriffe auf die syrische Stadt Kobani unvermindert fort. Nach kurdischen Angaben kämpfen IS-Milizen und Kurden derzeit vor allem um einen vor der Stadt gelegenen Hügel an der türkischen Grenze. Dessen Einnahme würde den Dschihadisten einen ungehinderten Einfall ermöglichen.

Der IS habe dafür Verstärkung aus Rakka und Deir as-Saur kommen lassen, berichtete die PKK-nahe Agentur Firat unter Berufung auf die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG), die die Stadt verteidigen. Die kurdischen Kämpfer hätten sich am Sonntag "Nahkampf-Gefechte" mit der Miliz geliefert.

Ein Übersetzer der PYD sagte der Nachrichtenagentur Reuters, bisher sei es den Kurden  gelungen, die Einnahme des Hügels zu verhindern. Die Islamisten gingen aber massiv mit Panzern und Granaten gegen die kurdischen Einheiten vor. Nach Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte hat der IS bereits die Südseite des Hügels eingenommen, die Kurden hielten die der Stadt zugewandte Nordseite. 

Bei den Kämpfen seien innerhalb der vergangenen 24 Stunden 86 IS-Extremisten getötet worden, teilte die YPG mit. Auf kurdischer Seite wären es 16 Kämpfer gewesen. Die syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte hatte von 16 getöteten IS-Kämpfern und 11 getöteten kurdischen Kämpfern am Sonntagmorgen gesprochen. Die USA und ihre arabischen Verbündeten hätten die Kurden mit insgesamt sieben Luftangriffen bei Kobani unterstützt, hieß es.

Tausende harren in Kobani aus

Die IS-Kämpfer versuchen seit Tagen, Kobani (arabisch: Ain al-Arab) einzunehmen. Die Stadt ist die letzte Bastion in einer Enklave, die bislang kurdisch beherrscht wurde. Bereits vor knapp drei Wochen hatte der IS mehr als 300 Dörfer im Umland der Stadt erobert, Kobani haben die Islamisten von drei Seiten eingeschlossen. Nach Norden gibt es noch eine Verbindung in die Türkei. Mehr als 160.000 Bewohner sind in die Türkei geflohen. Einige Tausend harren noch in der Stadt aus. 

Immer wieder schlagen auch Geschosse aus der umkämpften syrischen Region auf türkischem Boden ein. Am Sonntag sei eine Mörsergranate in der Nähe des Grenzübergangs Mürşitpınar gelandet, meldete die Nachrichtenagentur Anadolu. Ein Polizist sei durch Splitter leicht verletzt worden. In einem türkischen Dorf an der Grenze wurden Augenzeugen zufolge mindestens fünf Menschen durch Querschläger verwundet.

Neue Kämpfe im Irak und im Libanon

Auch im Irak gab es neue Attacken des IS. Nahe der Stadt Baidschi griffen Kämpfer erneut die größte Ölraffinerie des Landes an. Die irakische Armee habe die Extremisten nach mehrstündigen Gefechten zurückgeschlagen, hieß es von Sicherheitskräften. Zwölf IS-Kämpfer seien getötet worden. Die Anlage etwa 200 Kilometer nördlich von Bagdad ist seit Monaten umkämpft. Im Juni hatten Extremisten die Raffinerie kurzzeitig erobert, waren dann jedoch von der irakischen Armee wieder vertrieben worden. Seitdem haben sie Baidschi mehrmals angegriffen. 

Vor diesem Hintergrund flogen sechs niederländische F16-Kampfjets erstmals Einsätze über dem Irak. Die Niederlande entsenden zudem 250 Soldaten und 130 Militärausbilder in das Land. Eine Beteiligung an den Luftangriffen auf Dschihadisten in Syrien hat die Regierung wegen eines fehlenden UN-Mandats ausgeschlossen.

Im Schatten der heftigen Gefechte um Kobani droht der syrische Bürgerkrieg derweil immer mehr auf den Libanon überzugreifen. Auf der libanesischen Seite der syrisch-libanesischen Grenze kam es zu heftigen Gefechten zwischen der radikal-islamistischen Al-Nusra-Front und der schiitischen Hisbollah. Die syrischen Rebellen attackierten Stellungen der Hisbollah im Gebiet der Bergdörfer Brital und Nahle. Die libanesische Miliz schickte daraufhin Verstärkung, unter anderem Jeeps mit montierten schweren Maschinengewehren. Auf beiden Seiten gab es Verluste. Einige Hospitäler riefen Zivilisten zu Blutspenden auf. Die Hisbollah hat sich im syrischen Bürgerkrieg auf die Seite der Regierungstruppen von Präsident Baschar al-Assad geschlagen und die mehrheitlich sunnitischen Rebellen bekämpft. Einige dieser Rebellenfraktionen folgen radikalislamischen Zielen wie der "Islamische Staat".

IS bekommt Unterstützung von pakistanischen Taliban

Der IS erhält offenbar auch Unterstützung von militanten Islamisten aus Pakistan. Ein Sprecher der pakistanischen Taliban sagte der Nachrichtenagentur AFP, seine Gruppe unterstütze die IS-Miliz im Irak und in Syrien mit Kämpfern. "Wir unterstützen sie vollständig, weil wir glauben, diese Organisation wurde zum Dienste des Islam gemacht", sagte der Sprecher der Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP). Er bezifferte die Zahl der entsandten Kämpfer auf zwischen 1.000 und 1.500.

"Wir werden weiterhin Mudschaheddin senden, damit sie den IS-Kämpfern helfen", sagte er. Ein formelles Bündnis mit dem IS erklärte er aber nicht. Dennoch rief er alle Dschihadistenorganisationen in der Region auf, sich zusammenzuschließen. Die TTP haben enge Verbindungen zu Al-Kaida. Bislang hat die pakistanische Regierung Informationen, wonach Kämpfer aus Pakistan nach Syrien oder in den Irak gereist seien, stets als falsch zurückgewiesen.

Aufgrund der sich ständig ändernden Lage ist eine exakte Aufzeichnung der verschiedenen Positionen nicht möglich. © ZEIT ONLINE