Neulich hing ein Lebensmüder an einer der mächtigen Bosporusbrücken in Istanbul, die Hände noch an der Abrisskante, bereit in den Tod zu springen. Die Polizei kam und redete auf ihn ein, als einer der Polizisten sein Mobiltelefon herausholte und ein Selfie von sich und dem Mann am Brückenrand machte.
An diese Szene fühle ich mich erinnert, wenn ich das Verhalten der türkischen Regierung im Todeskampf von Kobani betrachte. Die syrischen Kurden versuchen verzweifelt, die Henker des "Islamischen Staats" aus ihrer Stadt zu vertreiben. Die türkische Regierung lässt ihre Panzer wenige Kilometer davor Leerrunden drehen, sie taktiert und sucht in der Verzweiflung der anderen noch ihren kleinen Vorteil.
Aber es ist eigentlich noch schlimmer. Für seine mögliche Hilfe stellt der türkische Präsident Erdoğan harte Bedingungen. Die Kurden sollen gefälligst auf jede Autonomie in Syrien verzichten und keine eigene Miliz unterhalten. Dann würde er etwas tun. Von den Amerikanern fordert Erdoğan, dass sie nicht nur die IS-Dschihadisten bombardieren, sondern auch den Diktator Baschar al-Assad. Dagegen hätten zwar Russen und Iraner etwas, aber wenigstens Erdoğan wäre dann voll aufseiten der USA. Da die Türken in der dramatischen Lage in Kobani die einzigen sind, die jetzt wirksam am Boden helfen könnten, sollte man diese Bedingungen einfach Erpressung nennen.
Warum macht die Türkei das und was macht dieses Verhalten mit ihr selbst?
Vorweg sei gesagt, dass Erdoğan tatsächlich in einem tiefen Dilemma steckt. Er hat sich im Syrienkrieg dramatisch gegen Assad in Pose geworfen. Er hat die nationale Opposition unterstützt, hat Dschihadisten gegen Assad zumindest freies Geleit und freigiebige Versorgung in Krankenhäusern verschafft. Wenn die internationale Koalition gegen die IS-Milizen nun Assad verschont, bleibt er als Assad-Feind außen vor.
Zugleich hat Erdoğan vor zwei Jahren einen komplizierten Versöhnungsprozess mit den Kurden eingeleitet. Der geplante Deal lautet grob zusammengefasst so: Die Kurden bekommen mehr kulturelle Autonomie, auch mehr politische Selbstverwaltung. Dafür legt die kurdische PKK die Waffen nieder. Diese Pläne sind durch den Dschihadisten-Vormarsch Makulatur. Die PKK und ihre Verbündeten brauchen ihre Waffen mehr als je zuvor. Und außer der türkischen Regierung drücken viele ihr die Daumen gegen die IS-Truppen.
Aus diesem Dilemma zieht Erdoğan nun die völlig falschen Schlussfolgerungen. Der Präsident ruiniert das Bild der Türkei in der Welt und den Frieden im eigenen Land.
Erdoğan und seine sunnitisch-konservative AKP-Partei distanzieren sich nicht deutlich genug von den Dschihadisten. Am Mittwoch twitterte ein hochrangiger AKP-Politiker, dass Morde von Kurden übler seien als Morde der IS-Milizen. Letztere würden "wenigstens nicht foltern". In der Wahrnehmung der AKP scheint die PKK viel schlimmer zu sein als die Dschihadisten. Schaut sie deshalb der Kesselschlacht von Kobani zynisch zu, bis die schwarze Flagge über der Stadt weht?
Das glauben die Kurden. Und sie haben einige Argumente für sich. Erdoğan müsste nicht die Panzer rollen lassen, um Kobani zu helfen. Den türkischen Einmarsch wollen die Kurden selbst nicht, er wäre wohl kontraproduktiv. Aber Erdoğan könnte Nachschub für Kobani über die Grenze lassen. Er könnte massiv kurdische Kämpfer aus anderen Gebieten einreisen lassen, so wie sich IS-Kämpfer lange frei in der Türkei bewegen konnten. Er könnte den Kurden wie zuvor den Dschihadisten Versorgung in türkischen Krankenhäusern gewähren. Macht er aber nicht. Stattdessen ist die Grenze abgeriegelt für alles Bedeutsame, was die Verteidiger von Kobani obsiegen lassen könnte. Wenn die Stadt überlebt, dann nicht dank, sondern trotz der Türkei.
Doch das Land zahlt einen hohen Preis für das Taktieren ihres Präsidenten. Überall im Land gehen die Kurden auf die Straßen, es kommt zu regelrechten Schlachten in den Städten, mit mindestens 19 Toten in dieser Woche. Der innere Frieden im Land ist dahin. Die Kurdenführer rufen die türkische Regierung auf, den Friedensprozess zu retten. Doch mit jedem Tag schwinden die Chancen. Die Türkei kann nicht Kobani durch unterlassene Hilfeleistung den Dschihadisten ausliefern und danach von der PKK erwarten, dass sie die Waffen niederlegt. Deren Feldkommandeure machen keinen Hehl daraus, dass sie den innertürkischen Friedensprozess für gescheitert halten.
So wächst die Gefahr, dass die Türkei alsbald einen Krieg im Kriege führt. Der Sonderkonflikt mit der PKK wäre Erdoğans schier unglaubliches Selfie in der großen Auseinandersetzung mit dem Dschihadismus. Sein Land würde so von einem Verbündeten des Westens zu einem weiteren Nahostproblem.