ZEIT ONLINE: Herr Jacob, wie reagieren die Mitglieder Ihrer Gemeinde auf die Lage im Irak und in Syrien?

Simon Jacob: Wir sehen das natürlich mit großer Sorge – und nicht erst, seit sich der "Islamische Staat" (IS) dort ausgebreitet hat. Die Vertreibung der Christen und der Urbevölkerung in dieser Region zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Und leider schaut die Welt wieder zu, wie nicht nur das Christentum seine Wurzeln verliert, sondern auch die Urbevölkerung Mesopotamiens, die eine 7.000 Jahre alte Geschichte aufweist und die Zivilisation, wie wir sie heute kennen, entscheidend mitgeprägt hat. Die Mitglieder der orientalischen Kirchen sind sehr aktiv. Die deutschlandweiten Demonstrationen sind ein Mittel, um sich Gehör zu verschaffen. Außerdem werden Spenden gesammelt. Hilfskonvois mit Gütern für den bevorstehenden Winter sind auf dem Weg in den Nordirak.

ZEIT ONLINE: Es kam in jüngster Zeit in Deutschland zu gewalttätigen Konfrontationen zwischen Salafisten und Kurden. Deuten sich solche Auseinandersetzungen auch zwischen orientalischen Christen und Salafisten an?

Jacob: Die Spannungen steigen. Und das ist nicht gut. Salafistisch geprägte Gruppierungen organisieren sich, um Demonstrationen zu stören, was dann in gewalttätige Konflikte mündet. Dies ist nur eine Fortführung der Gewaltorgien, die augenscheinlich nach der Veröffentlichung der Mohamed-Karikaturen ihren Anfang nahmen. Der Zentralrat der Orientalischen Christen warnt bereits seit Längerem vor solchen Spannungen, die besonders durch soziale Medien befeuert werden. Leider sind unsere Befürchtungen nun eingetroffen. Wir befürchten sogar eine Zuspitzung der Lage, bedingt durch die Gräueltaten des IS im Irak und in Syrien, die über das Internet in wenigen Sekunden weltweit verbreitet werden.

ZEIT ONLINE: Kooperieren Sie in dieser Krisensituation mit anderen Religionsgemeinschaften in Deutschland?

Jacob: Ja. Wir haben bereits vor Monaten damit begonnen, uns mit anderen betroffenen Glaubens- und Volksgemeinschaften in Verbindung zu setzen. Besonders hart hat es die Jesiden getroffen, welche von den Schergen des IS umgebracht werden. Kurden, liberalen Sunniten, Alawiten, Schiiten und anderen ergeht es nicht besser.

ZEIT ONLINE: Inzwischen haben sich im Kampf gegen den IS in Syrien wie im Irak auch christliche Milizen gebildet. Wie steht der Zentralrat zum bewaffneten Widerstand gegen den IS?

Jacob: Für uns als Christen war es außerordentlich schwierig, hierzu eine Aussage zu treffen. Die Grenzen zwischen Selbstverteidigungsgruppen und sektiererischen Milizen sind ja manchmal sehr subtil. Was nun die aktuelle Situation angeht: Zum einen verbietet uns der christliche Glaube, offensiv zur Waffe zu greifen. Auf der anderen Seite können wir uns nicht mehr wie Lämmer zur Schlachtbank führen lassen. Die Entscheidung der Patriarchen östlicher Kirchen vor einigen Wochen war für uns der ausschlaggebende Faktor. Unsere Kirchenführer haben nun gesagt, dass Christen sich in bestimmten Situationen selbst verteidigen müssen. Wir haben ja gesehen, was in Mossul passiert ist (dort übernahm am 10. Juni der "Islamische Staat" die Macht und begann mit der systematischen Vertreibung von Christen und anderen Minderheiten, Anm.d. Red.). Die reguläre irakische Armee ergriff die Flucht, hinterließ den Dschihadisten ihre Waffen – und die begingen dann ihre Gräueltaten. Christus lehrt uns, friedlich zu sein und nicht einmal unsere Feinde anzugreifen. Aber es ist richtig, dass junge Menschen zu den Waffen greifen, um sich und ihre Familien zu schützen. Das ist kein Angriff, sondern Selbstverteidigung.

ZEIT ONLINE: Ruft der Zentralrat dazu auf, für christliche Milizen zu spenden?   

Jacob: Nein. Wir können allerdings den Aufruf anderer Organisationen, für Waffen zu spenden, nachvollziehen. Denn solange der Westen zulässt, dass Christen diesen Kampf um westliche Werte mit veralteten Gewehren gegen einen hochgradig modern ausgerüsteten Gegner austragen, solange werden diese jungen Kämpfer, die für die Rechte des Einzelnen und Demokratie einstehen, auf Spendengelder angewiesen sein.

ZEIT ONLINE: Welche Hilfe erwartet der Zentralrat von der EU und von der deutschen Regierung?

Jacob: Die EU und Deutschland müssen erkennen, dass es bei diesem Konflikt nicht nur um Christen und andere Minderheiten geht. Es geht um die Art und Weise, wie wir leben – auch um solch alltägliche Freiheiten, wie mit Freunden ein Bier zu trinken, Musik zu hören, oder als Frau im Sommer in einem Sommerkleid die Straße entlangzulaufen. Der IS mit seinem rückwärtsgewandten Denken steht gegen all diese Freiheiten. Er verachtet das Individuum und stellt die Unterwerfung der breiten Masse an oberste Stelle. Einige Wenige halten die Macht in der Hand, während der Einzelne sich in der Masse einordnen muss. Wir fordern die EU und Deutschland dazu auf, Organisationen wie den Zentralrat zu unterstützen. Unsere Mitglieder sind Angehörige der dritten, vierten Generation orientalischer Christen in Deutschland. Aufgewachsen in kulturell verschiedenen Welten, vermögen wir eine Brücke zu schlagen. Vom Okzident in den Orient. Und diese Brücke ist auch bitter nötig, wenn man sich die Fehler des Westens in der Vergangenheit ansieht. Deutschland ist hier keine Ausnahme. Zu schnell nimmt man in den betroffenen Ländern den Westen als elitäre Macht wahr, die auf die Menschen herabblickt. Der Einmarsch in den Irak hat diese Sichtweise noch verstärkt.

ZEIT ONLINE: Wie sieht der Zentralrat die in Deutschland immer wieder geäußerte Forderung, verstärkt christliche Flüchtlinge aufzunehmen?

Jacob: Mit gemischten Gefühlen. Der Zentralrat war von Anfang an in die Flüchtlingsarbeit involviert. Persönlich habe ich bei mehreren Reisen das Leid vor Ort gesehen und leider auch erlebt. Trotzdem wäre es sinnvoller, wenn die Menschen erst keinen Grund für eine Flucht hätten. Forderungen nach einer Schutzzone müssen endlich Taten folgen. Dies würde mittelfristig  Europa und dem Nahen Osten zugutekommen. Denn der Orient ist gerade dabei, die Christen zu verlieren – seine letzten Brückenbauer, die stets zu einem Dialog bereit waren und sind.