Wer an diesem Donnerstag in Jerusalem aufwachte, egal ob im palästinensischen Osten oder im israelischen Westen, hörte als erstes die Hubschrauber. Sie kreisten über der Stadt, auf der Suche nach verdächtigen Menschenansammlungen und Demonstrationen. Es gilt nun offiziell die zweithöchste Alarmstufe, an vielen Straßenbahnhaltestellen stehen bewaffnete Sicherheitskräfte.

Am Mittwochabend war ein rechtsextremer Aktivist und Rabbi von einem palästinensischen Attentäter angeschossen und schwer verletzt worden. Yehuda Glick setzte sich dafür ein, dass Juden auf dem Tempelberg beten können. Es war ein gezielter Anschlag: Augenzeugen berichten, dass Glick nach einer Veranstaltung an seinem Auto stand, als ein Mann mit dem Motorrad auf ihn zufuhr und ihn nach seinem Namen fragte. Daraufhin eröffnete der Attentäter das Feuer. Es war der zweite Anschlag in Jerusalem innerhalb von einer Woche. Am vergangenen Mittwoch erst fuhr ein Palästinenser mit seinem Auto in eine Straßenbahnhaltestelle. Ein Baby starb, mehrere Menschen wurden verletzt.

Noch am Morgen gab der israelische Geheimdienst Shin Bet bekannt, dass der mutmaßliche Attentäter erschossen wurde, als er beim Versuch, ihn festzunehmen, das Feuer eröffnete. Anschließend kam es in mehreren Stadtteilen in Jerusalem zu Straßenschlachten zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften.

Wegen der neuen Auseinandersetzungen ordnete die israelische Regierung an, den Tempelberg zunächst zu schließen, erstmals seit der Intifada 2000. Am Abend teilte die Polizei dann mit, dass am Freitag, dem wichtigsten Gebetstag für Muslime, zumindest Männer über 50 und Frauen die al-Aqsa-Moschee auf dem Tempelberg wieder besuchen dürfen.

Jede kleine Provokation könnte zur Straßenschlacht führen

Zur Mittagszeit an diesem Donnerstag, der Tempelberg ist noch geschlossen, sind die engen Gassen im muslimischen Teil der Altstadt gespenstisch leer. Sonst herrscht hier ein reges Markttreiben, doch aus Protest gegen die Abriegelung des Tempelbergs und die Tötung des mutmaßlichen Attentäters sind fast alle Geschäfte geschlossen. An den Straßenecken stehen sich junge Palästinenser und ein Großaufgebot an israelischen Soldaten und Polizisten gegenüber. Jede kleine Provokation könnte jetzt zu einer Straßenschlacht führen. Unwirklich wird der Anblick, als eine westliche Reisegruppe um die Ecke kommt, dem Regenschirm ihres Reiseleiters folgend. Sie entfernen sich schnell von der Szene. Soldaten verwehren den Zugang zum Tempelberg, nur kleine Kinder werden durchgelassen, sie huschen an den Beinen der Soldaten und den Absperrungen vorbei.

Schon seit Wochen wird der Konflikt um die Nutzung des Tempelbergs heftiger. Für Muslime ist Haram-al-Sharif neben Mekka und Medina die wichtigste Pilgerstätte und damit der heiligste Ort in Jerusalem. Von hier soll Mohammed auf seinem Pferd in den Himmel aufgestiegen sein. Auch für Juden ist der Ort heilig, der zweite Tempel stand hier, bevor die Römer ihn zerstörten. Heute beten sie am Fuß des Tempelbergs an der Klagemauer, den Überresten des Tempels. Nur einige religiöse und nationalistische Juden fordern das Recht ein, auch auf dem Tempelberg selbst beten zu können. Glick hat solche Gruppen von radikalen Siedlern und jüdischen Nationalisten auf den heiligen Ort geführt, geschützt von der israelischen Grenzpolizei. Immer wieder führten diese Besuche zu Auseinandersetzungen, Palästinenser warfen Brandsätze und Steine auf die ungebetenen Gäste.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas reagierte ungewöhnlich scharf auf die zwischenzeitliche Schließung des Tempelbergs und sprach von einer "Kriegserklärung". Der Mann, der lange für seine ausgleichenden Töne im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern bekannt war, wird in seiner Wortwahl zusehends heftiger. Vor den Vereinten Nationen hatte er den Krieg in Gaza bereits als Genozid bezeichnet. Premierminister Netanjahu, obgleich für die Schließung des Tempelbergs letztlich verantwortlich, äußerte sich dagegen zurückhaltend: "Niemand auf beiden Seiten sollte das Gesetz in seine eigenen Hände zu nehmen. Wir müssen jetzt einen kühlen Kopf bewahren." Auch deshalb dürfte am Abend die Entscheidung gefallen sein, den Tempelberg wieder teilweise zu öffnen.