Ihr verzweifelter Auftritt im irakischen Parlament hat sie international bekannt gemacht. "Herr Präsident, wir werden abgeschlachtet unter dem Banner 'Es gibt keinen Gott außer Allah'", rief Vian Dakhil in das voll besetzte Plenum. "Unsere Frauen werden auf Sklavenmärkten verkauft, es gibt einen Völkermord an den Jesiden. Wir werden ausgerottet, unsere Religion soll vernichtet werden. Ich appelliere an Ihre menschliche Solidarität, retten Sie uns" – am Ende bricht die Rednerin weinend zusammen, wird gestützt von anderen Parlamentarierinnen. Im Plenum herrscht betretenes Schweigen, die kurze Videosequenz vom 5. August geht anschließend um die Welt.

Vian Dakhil ist die einzige Jesidin in der irakischen Volksvertretung. Ihr Vater und einer ihrer Brüder sind ebenfalls Politiker, die übrigen sechs Geschwister Ärztinnen und Ärzte. Ihr Auftritt und das Flüchtlingsleid der Jesiden in dem unwirtlichen Sinjar-Gebirge, wohin sich Zehntausende vor den heranrückenden Brigaden der Terrormilizen des "Islamischen Staats" (IS) geflüchtet hatten, waren mit ausschlaggebend für US-Präsident Barack Obama, seiner Luftwaffe den Angriffsbefehl zu geben. Für die Fanatiker des IS sind Jesiden Ketzer und Teufelsanbeter, die nur eine Wahl haben: zum Islam zu konvertieren oder zu sterben.

Eine Woche nach ihrem dramatischen Appell flog Dakhil in einem irakischen Hilfshubschrauber selbst zu den Vertriebenen ins Gebirge. Beim Start kam die Maschine ins Taumeln und stürzte ab. Der Pilot starb, 20 Insassen wurden verletzt, Dakhil brach sich das Bein, seitdem läuft sie an Krücken. Diese Woche wurde die 43-Jährige mit dem Anna-Politkowskaja-Preis für Frauen ausgezeichnet, der jedes Jahr im Namen der 2006 ermordeten russischen Menschenrechtlerin vergeben wird. Sie habe den "jesidischen und irakischen Frauen eine Stimme verliehen", heißt in der Begründung der Jury.

In ihrer Dankesrede erinnerte Dakhil vor allem an die 2.500 jesidischen Frauen, die sich nach wie vor in den Händen der IS-Extremisten befinden: "Wir wissen nicht, wie oft sie schon vergewaltigt wurden von diesen Gangstern, die aus der ganzen Welt in unser Land gekommen sind – aus rückständigen und zivilisierten Nationen gleichermaßen." 7.000 jesidische Männer, Frauen und Kinder seien ermordet, verwundet oder gekidnappt worden – oder würden vermisst. Zehntausende konnten sich über die gegenüberliegende Gebirgskante in die nordirakischen Kurdengebiete um die Stadt Dohuk retten, wo sie unter erbärmlichen Umständen hoffen, eines Tages in ihre Dörfer und Städte zurückkehren zu können.

"Viele Male habe ich mich schon gefragt: Leben wir wirklich im 21. Jahrhundert?", schloss die Geehrte ihre Danksagung. "Oder leben wir in einer Zeit, wo wieder das Gesetz des Dschungels gilt, wo der Starke mit dem Schwachen tun kann, was ihm beliebt: seine Frauen töten, seine Frauen entführen und seine Kinder verkaufen – und alle zusammen zwingen, ihre Religion zu wechseln?"