In der südkoreanischen Hauptstadt Seoul gab es in den vergangenen Wochen nur ein Thema: Was ist los im Norden? Seit dem 3. September war Jung-Diktator Kim Jong Un aus der Öffentlichkeit verschwunden; nicht einmal bei den Feierlichkeiten zum Gründungstag der nordkoreanischen Arbeiterpartei erschien er. Die Gerüchte brodelten: Ist er abgesetzt, krank, gar tot?

Während über seinen Verbleib gerätselt wurde, landeten die drei höchstrangigen Führungsfiguren des Nordens überraschend auf dem Flughafen Incheon – offiziell zur Teilnahme an den Abschlussfeierlichkeiten der Asian Games. In Wahrheit jedoch, um nach fünf frostigen Jahren im Nord-Süd-Verhältnis eine neue Gesprächsrunde in Gang zu bringen.

Auch nach seiner Rückkehr in die Öffentlichkeit gibt es nur Spekulationen über die Gesundheit von Kim Jong Un: Er war humpelnd mit Stock im Fernsehen zu sehen. Gicht plage ihn, ist ein Gerücht; ein anderes, dass das Kniegelenk unter dem Gewicht – über 100 Kilo – des kurzgeratenen 33-Jährigen leide, der gewöhnlich Schuhe mit hohen Absätzen trägt, während eines Militärmanövers den Dienst aufgegeben hätte. Offiziell wurde vor vier Wochen mitgeteilt, er fühle sich nicht wohl.

Die drei Abgesandten aus Pjöngjang jedenfalls kamen mit Kims Flugzeug und überbrachten seine Grüße und eine persönliche Nachricht an die südkoreanische Präsidentin Park Geun-hye. Er habe keinerlei Gesundheitsprobleme, versicherten die Besucher aus dem Norden. Der Geheimdienst in Seoul vermutet, dass er sich in einer Villa im Norden von Pjöngjang erholt.

Nordkorea bleibt also weiterhin undurchsichtig und unberechenbar. Dies gilt auch für das neue Gesprächsangebot des Nordens, das die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen dem Süden und dem Norden schon Ende Oktober oder Anfang November vorsieht. Ob nach sechs Jahren Frost wieder Tauwetter einsetzt und wie lange es anhalten könnte – hängt ganz davon ab, ob Kim Jong Un selbst oder aber diejenigen, die an seiner Stelle das Kommando übernommen haben, es ernst meinen mit dem Neuanfang. Die Vergangenheit liefert reichlich Anlass zur Skepsis.

Ich war 1972 zum ersten Mal in Seoul. Der Korea-Krieg lag noch keine 20 Jahre zurück. Am 38. Breitengrad zerschnitten Stacheldraht, Schützengräben und Befestigungsanlagen die koreanische Halbinsel. Die Teilung des Landes war radikaler als je die deutsche: keine Post, keine Telefonverbindung, kein Handel, nicht einmal Kontakte übers Fernsehen, kein Besucheraustausch. In dieser Phase, nach dem Abschluss von Willy Brandts Ostverträgen, keimte in Korea die Hoffnung auf, dass auch dort Tauwetter einsetzen könnte. Über das Rote Kreuz in Nord und Süd wurden die ersten Geheimkontakte angebahnt. Sie mündeten in einer Vereinbarung über drei "Prinzipien für die Vereinigung des Vaterlandes", die mir der Chef des südkoreanischen Roten Kreuzes damals strahlend erklärte. Doch schon bald versandeten die Gespräche wieder in lähmender Unversöhnlichkeit.

Ungezählten folgenden Initiativen erging es nicht anders: dem Versöhnungsvertrag von 1991; dem Abkommen von 1992, welches die koreanische Halbinsel zur atomwaffenfreien Zone erklärte; den beiden Gipfeltreffen von 2000 und 2007, in denen eine Abmilderung der Folgen der Teilung, das Streben nach beiderseitigem Wohlstand durch wirtschaftliche Zusammenarbeit und der Wunsch nach friedlicher Wiedervereinigung als übereinstimmende Ziele beider koreanischer Staaten festgeschrieben wurden. Viel ist daraus nicht geworden.

Wohl gab es nach 1985 einige Male einen Besucheraustausch, wobei sich allerdings jeweils nur hundert Personen von jeder Seite streng bewacht in abgeschotteten Hotels treffen durften. Den beiden Großprojekten, die zu einer engeren Verzahnung von Nord und Süd beitragen sollten, war kein besseres Schicksal beschieden: dem Ausflugszentrum Kumgang und dem Industriepark Kaesong. Insgesamt 1,9 Millionen besuchten zwischen 1998 und 2008 den heiligen Diamantenberg 50 Kilometer nördlich der Demarkationslinie. Doch seit sechs Jahren, als eine Besucherin bei einem harmlosen Strandspaziergang erschossen wurde, ruht der Besucherverkehr. Im Industriepark Kaesong, wenige Kilometer nördlich der Waffenstillstandslinie, hatten sich 123 südkoreanische Firmen in einer Sonderwirtschaftszone niedergelassen, die 54.000 nordkoreanische Arbeiter beschäftigten und seit 2005 Güter im Wert von 2,3 Milliarden US-Dollar herstellten, was dem Regime in Pjöngjang jährlich 100 Millionen Dollar einbrachte. Doch im Frühjahr 2013 zog Kim Jong Un die nordkoreanischen Billiglöhner ab. Die Arbeit musste eingestellt werden.

In der Schließung von Kaesong manifestierte sich derselbe Wille zur Konfrontation wie in Kims Atomtests und Raketenversuchen. In Kaesong ist die Arbeit mittlerweile wieder aufgenommen worden, wiewohl auf Seiten der südkoreanischen Firmen nicht ohne Bauchgrummen.

Kann sein, dass Kim (oder seine Widersacher) es nun ernst meinen und zu jener Entspannung zurückkehren, die der Diktator in seiner ersten Neujahrsansprache beschworen hatte. Dabei verfolgt er eine zweigleisige Politik: Einerseits will er die Kommandowirtschaft lockern, damit das Volk nicht länger den Gürtel enger schnallen muss; in diese Richtung drängen ihn auch die Chinesen. Andererseits denkt er nicht daran, sein Kernwaffenarsenal aufzugeben – das Schicksal Gaddafis wie die bittere Erfahrung der Ukrainer stehen ihm drohend vor Augen; da bleibt er auch gegenüber den Chinesen fest.

Seit der Versenkung des südkoreanischen Zerstörers Cheonan im März 2010 waren die Kontakte zwischen Seoul und Pjöngjang abgebrochen. Die neuerlichen Nord-Süd-Gespräche, wenn sie denn tatsächlich in den nächsten Wochen beginnen, werden sich daher nicht einfach gestalten. Die jüngsten Zeichen der Annäherung haben – wie schon früher immer wieder – zu Land wie zur See militärische Übergriffe des Nordens zur Folge gehabt. Und die südkoreanische Forderung nach Einstellung des nördlichen Atomwaffenprogramms als Vorbedingung, nicht bloß als anzustrebendes Endergebnis der Verhandlungen, macht die Sache nicht einfacher. Entspannungsgegner gibt es hüben wie drüben.

Zu den Befürwortern in Seoul gehört der Verleger von JoongAng Ilbo, der zweitgrößten Zeitung Südkoreas. Hong Seok-hyun ist ein Realist. "Pjöngjang bleibt ein zäher und zuweilen nerviger Partner", sagt er. "Aber wir dürfen uns nicht durch den Ärger über Geringfügigkeiten von unserem Fernziel abbringen lassen. Südkoreas Zurücktreten in den letzten Jahren hat China in Nordkorea zum beherrschenden Wirtschaftsfaktor gemacht. Russland und sogar Japan schmieden neue Verbindungsglieder zu Nordkorea. Seoul darf da nicht hinterherhinken. Die Herausforderung an Präsidentin Park Geun-hye ist es nicht bloß, Südkorea wieder in das Spiel um den Norden einzubringen, sondern dabei die Führung zu übernehmen."

Die Außenpolitiker in Seoul reden derzeit viel von einer North East Asia Peace and Cooperation Initiative (Neapci). Auch deren Ziel ist es, Südkorea im Fernen Osten zum ehrlichen Makler, ja: zur antreibenden Gestaltungsmacht zu machen. Das Ziel ist löblich, doch angesichts der vielen Reibungsflächen in der Region wirken die Voraussetzungen nicht gerade besonders vielversprechend. Schade eigentlich.