Der UN-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura, warnt vor einem Massaker vor den Augen türkischer Soldaten: Nur 1.300 Meter von der türkischen Grenze entfernt liefern sich kurdische Milizen in der Stadt Kobani einen erbitterten Kampf mit der Terrormiliz "Islamischer Staat". Nach und nach wird die Lage der Kurden aussichtsloser: Die Islamisten kontrollierten bereits 40 Prozent der nordsyrischen Grenzstadt und stünden kurz davor, die verbliebenen Kurdenkämpfer "vollständig zu umzingeln", berichtet die der Opposition nahestehende Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London.

Zuvor hatten die kurdischen Milizen in Kobani einen schweren Rückschlag erlitten. Wie die Beobachtungsstelle und kurdische Beamte melden, haben sie ihr Hauptquartier und ihre Kommandozentrale an den IS verloren.

Seit Montag gibt es in Kobani (arabisch: Ain al-Arab) erbitterte Straßenkämpfe, wobei die Dschihadisten trotz internationaler Luftangriffe immer wieder vorrückten. Am Donnerstag nahmen sie das Hauptquartier der kurdischen Polizei ein, das im gleichen Stadtviertel wie die Kommandozentrale der Volksverteidigungseinheiten (YPG) und der Gemeinderat liegt.

Die militärisch unterlegenen Verteidiger Kobanis kämpfen nun mit aller Kraft dafür, die letzte Fluchtroute für die mehr als 10.000 verbliebenen Zivilisten in der Stadt offenzuhalten. Laut de Mistura halten sie nur noch einen schmalen Korridor zur türkischen Grenze.

Die Frontlinie liegt nur wenige hundert Meter vor der türkisch-syrischen Grenze entfernt. Dort hat die Türkei zwar Truppen zusammengezogen, vor einer Intervention schreckt sie bislang aber zurück. Dabei scheint fast sicher, dass Kobani ohne die Entsendung von Bodentruppen nicht zu halten sein dürfte.

IS-Kämpfer entgehen auf Motorrädern den Luftangriffen

Zwar gab es auch in der Nacht zum Freitag im Süden und Osten der Stadt Luftangriffe der US-geführten Militärallianz. Doch zeigten diese wenig Wirkung. Der Beobachtungsstelle zufolge bewegen sich die Dschihadisten inzwischen mit Motorrädern, um Luftangriffen zu entgehen. Am Freitagnachmittag gab es zwei weitere Luftangriffe auf IS-Stellungen, wie eine Korrespondentin berichtete.

De Mistura rief die Türkei auf, kurdische Flüchtlinge zurück über die Grenze zu lassen, damit sie sich an der Verteidigung von Kobani beteiligen können. Zudem drängte er die Regierung in Ankara mit ungewöhnlich offenen Worten, die internationale Militärallianz vom eigenen Territorium aus zu unterstützen. Bei einer Eroberung Kobanis durch die Islamisten drohe ein ähnliches "Massaker" an Zivilisten wie 1995 in Srebrenica, als bosnisch-serbische Milizen rund 8.000 muslimische Jungen und Männer ermordeten.

Chef der größten Kurdenpartei PYD bittet Türkei um Waffenlieferungen

Um gegen die zögerliche Syrien-Politik Ankaras zu protestieren, gingen in den vergangenen Tagen tausende Kurden in mehr als 30 türkischen Städten auf die Straße. Bei Zusammenstößen mit der Polizei sowie Islamisten und Nationalisten wurden nach Regierungsangaben mindestens 31 Menschen getötet und hunderte verletzt, zudem gab es über tausend Festnahmen.

Der Chef der größten syrischen Kurdenpartei PYD hat die Türkei dazu aufgefordert, den Friedensprozess mit den Kurden voranzutreiben. "Die Augen aller Kurden sind auf Kobani gerichtet", sagte der Vorsitzende der Partei der Demokratischen Union, Salih Muslim. "Wenn die Türkei eine positive Haltung einnimmt, wird sie die Sympathien aller Kurden in Rojava gewinnen" – so werden die Kurdengebiete im Norden und Nordosten Syriens genannt.

Die Türkei solle ihre strikte Grenzblockade lockern, sagte Muslim: Ankara müsse dringend Waffen schicken, um den Kampf gegen die Dschihadistengruppe zu unterstützen: Eine türkische Bodenoffensive dagegen werde nicht benötigt. Die Extremisten seien "für die Türkei genauso gefährlich wie für die Kurden in Syrien", sagte der PYD-Chef weiter.

"Die Türkei ist kein Land, dass seine Innen- oder Außenpolitik an den gewaltsamen Handlungen von Strolchen und Terroristen ausrichtet", ließ Türkeis Präsident Recep Tayyip Erdoğan dazu verlauten. Und die Türkei sei auch "kein Land, das aus Angst vor Straßenprotesten von seinem Kurs abweicht".