Der alte Mann liegt im Staub und wartet. Vor ihm liegen in einer Plastiktüte Brotfladen. Wasiq Mami hat den Kopf auf eine Hand gestützt und schaut hinüber in seine Heimat. Der 80-jährige Syrer will zurück nach Kobani, um seine dritten Zähne und Herzmedikamente zu holen. "Die Lebensmittel sind für die verbliebenen Menschen dort, die haben doch nichts mehr zu essen", sagt er.

Die junge Frau sitzt im Staub und wartet. Auch neben ihr liegen in Plastiktüten Brotfladen. Bei jedem Schuss, bei jeder Explosion, die von drüben zu hören ist, zuckt sie zusammen. Loubna Ahmad kann kaum sprechen, die Angst nimmt ihr die Worte. Die 26-jährige Syrerin will nach Kobani – zu ihrem blinden Vater und ihrer gelähmten Mutter.

Doch weder sie, noch Mami und die anderen 20 Syrer werden über die türkisch-syrische Grenze gelassen. Sie alle haben Brot dabei und sagen, dass sie dieses nach Hause bringen wollen, um die von den Milizen des "Islamischen Staates" (IS) bedrohten Menschen zumindest vor dem Hungertod zu bewahren. Aber Zivilisten dürfen die Grenze nicht überqueren. Die türkische Regierung fürchtet, dass die kurdischen Syrer in den Krieg gegen den IS ziehen könnten und damit die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK unterstützen könnten.

Die Landschaft ist öde in der türkischen Provinz Şanlıurfa nahe der syrisch-türkischen Grenze. Und es ist eigenartig ruhig hier, etwa 30 Autominuten vom Stadtzentrum in Suruç. Nur Gefechtsgeräusche sind zu hören, gelegentlich gibt es hitzige Diskussionen zwischen den Flüchtlingen und den Soldaten, die sie am Grenzübergang hindern. Die nordsyrische umkämpfte Stadt Kobani liegt direkt hinter den Absperrungen, nirgends in der Türkei ist der Bürgerkrieg so nahe wie an diesem Ort.

Das Gebiss vergessen

Die Grenze ist an diesem Mittag geschlossen, auf der gegenüberliegenden Seite sind Hunderte Menschen zu sehen, die in die Türkei durchgelassen werden wollen. Noch sollen 700 bis 2.000 Zivilisten in Kobani ausharren. Es sind die Schwachen, die Alten, die Kranken und die Behinderten, die es bisher nicht herausgeschafft haben. Sollte es dem IS gelingen, den Gürtel um die Stadt zu schließen, dann droht ein Massaker – und die Türkei beobachtet aus nächster Nähe, wie die Dschihadisten die Kurden niedermetzeln.

Ein Soldat geht auf den immer noch auf dem Boden liegenden Mami zu. Warum er wieder nach Kobani wolle, fragt er den Syrer auf Türkisch, ein anderer Soldat übersetzt ins Kurdische. Er habe seine Medikamente drüben gelassen und sein Gebiss, sagt er. "Und warum hast du das nicht gesagt, als du hierher gekommen bist?", will der Soldat wissen. "Dann hätten wir dir noch Zeit gegeben, um deine Sachen zu holen." Er habe es vergessen, antwortet Mami. "Alles ging so schnell, dass ich nicht daran gedacht habe." Seit drei Tagen warten sie hier schon, um endlich nach Kobani vorgelassen zu werden. Aber man jage sie immer wieder mit Tränengas weg, sagt Mami. Jetzt seien die Soldaten nur so freundlich, weil Journalisten dabei sind.

Die junge Ahmad kommt zu den Soldaten herüber, die Tüten mit dem Brot in der Hand. Warum sie ihre Eltern bei der Flucht nicht mitgenommen habe, fragt sie der Soldat. Ahmad druckst herum, sie sei vor drei Wochen aus Kobani geflohen, von ihrer Familie habe sie seitdem nichts mehr gehört. Sie fleht: "Bitte, bitte lassen sie mich zu meiner Familie!" Ob sie dann auch zurückkommen werde, will der Soldat wissen. "Nein, ich werde bei meinen Eltern bleiben", antwortet sie.

Wer ist schuld an den Unruhen?

Die Kurden in Kobani sehen sich nach fast einem Monat heftiger Kämpfe kaum noch in der Lage, den Ansturm des IS weiter abzuwehren. Zwar habe der IS durch die Luftangriffe der USA und ihrer Verbündeter große Verluste erlitten, sagten Vertreter der Kurdenmiliz YPG am Wochenende. In den vergangenen beiden Tagen seien die Einsätze aber nicht mehr so effektiv gewesen. Zugleich nehmen die innenpolitischen Spannungen in der Türkei zu.

Nichts, was auf der syrischen Seite der Grenze geschehe, bleibe auf der türkischen folgenlos, warnte Präsident Recep Tayyip Erdoğan noch vor Kurzem. "Unser Glaube ist der Islam. Der IS hat nichts mit dem Islam zu tun. Unsere Religion, der Islam, wird niemals diesen Terror akzeptieren." Am Wochenende fragte er dann: "Was hat Kobani mit der Türkei zu tun? Mit Istanbul, mit Ankara?" 

Seit Tagen demonstrieren landesweit Kurden gegen die Zurückhaltung der Regierung, nach Regierungsangaben starben in der vergangenen Woche durch Gewalt während der Protestaktionen 31 Menschen. Erdoğan macht die Oppositionsparteien dafür verantwortlich – die kurdische HDP und die säkulare CHP – und Schuld an den Unruhen seien "einige internationale Mediengruppen". Wegen der Kurdenproteste kündigte er schärfere Sicherheitsgesetze an, die PKK droht mit dem Ende der Friedensgespräche und der Wiederaufnahme des Guerillakrieges.