Viele hatten in den zurückliegenden Monaten dieses beklemmende Gefühl: Die Welt ist aus den Fugen! Gaza, Ukraine, Nord-Irak, Syrien, Ebola – es waren einfach zu viele Krisen und Konflikte, und sie breiteten sich einfach zu schnell aus. Die Menschen begannen zu frösteln, mitten im Sommer.

Und während Politik und Diplomatie noch immer versuchen, die akuten Krisenherde einzudämmen, wird längst die Frage diskutiert: Wie konnte es dazu kommen? Und wie müsste eine Weltordnung aussehen, in der es nicht ständig und überall brennt?

Es waren diese beiden Fragen, die im Mittelpunkt der Diskussionen beim "Global Briefing" der International Crisis Group vergangene Woche in Brüssel standen. Die Crisis Group ist eine von zahlreichen Regierungen und großen Stiftungen unterstützte Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, weltweit Konflikte früh zu erkennen und  möglichst schon im Entstehen zu bekämpfen. 

Beim "Global Briefing" treffen sich einmal im Jahr frühere Politiker und Diplomaten mit Regionalexperten, die für die Crisis Group "im Feld" unterwegs sind, von Afghanistan und Pakistan bis nach Südsudan und Mali.  Gemeinsam analysieren sie in Paneldiskussionen die wichtigsten Konflikte der Gegenwart und fragen, ob sich hinter den einzelnen Unruheherden vielleicht ein Muster verbirgt und wie die Staatengemeinschaft darauf reagieren sollte.

In einem war man sich einig: Vor knapp einem Vierteljahrhundert, nach dem Ende des Kalten Krieges, sei eine große Chance vertan worden. Damals rief der amerikanische Präsident George Bush der Ältere eine "neue Weltordnung" aus. Aber dann machte man der zerfallenden Sowjetunion klar, dass sie bei deren Bau nicht gebraucht werde. Ein großer Fehler.

Zwar falle die Welt heute nicht in einen neuen Kalten Krieg zurück. Aber im Ukraine-Konflikt seien erstmals wieder in Europa Grenzen gewaltsam verschoben worden. Und im Mittleren Osten setze sich fort, was in Afrika begonnen habe – der Zerfall der Staatlichkeit. Nach Somalia, Libyen und Mali könnten nun der Irak und Syrien zu failing states werden.

Es helfe nicht, dass die Vereinigten Staaten unter Barack Obama ihrer Rolle als Ordnungsmacht müde geworden seien. Und es helfe auch nicht, dass keine andere Macht bereit stünde, globale Verantwortung zu übernehmen.

Von den Vereinten Nationen sei derzeit politisch nicht viel zu erwarten, der Sicherheitsrat sei durch den Ukraine-Konflikt blockiert. Immerhin, die großen UN-Hilfsorganisationen funktionierten: Die Flüchtlingshilfe leiste in Syrien eine ebenso großartige Arbeit wie die Weltgesundheitsorganisation bei der Bekämpfung der Ebola-Epidemie.

Humanitäre Hilfe also komme von der Weltgemeinschaft, aber sie sei nicht in der Lage, für kollektive Sicherheit zu sorgen. Stattdessen kehre sie zum alten Prinzip eines Gleichgewichts der Mächte zurück. Von einer Weiterentwicklung des Völkerrechts aber wie der erst vor wenigen Jahren proklamierten "Schutzverantwortung" (responsibility to protect) spreche heute kaum noch jemand.

Müdigkeit habe eingesetzt, Erschöpfung, angesichts der neuen internationalen Unordnung, lautete das Resümee dieses Global Briefing. Wie es ein Redner am Beispiel des Nahost-Konflikts formulierte: "Vor 15 Jahren konnten wir das Licht am Ende des Tunnels nicht sehen. Heute sehen wir das Licht am Ende des Tunnels – aber wir können den Tunnel nicht finden."