In der Debatte um den Kampf gegen die Terroristen des "Islamischen Staats" (IS) steht niemand so sehr in der Kritik wie die türkische Regierung. Besonders ihr Verhalten gegenüber den Kurden, die sich in ihrer Enklave Kobani direkt an der syrisch-türkischen Grenze gegen die Islamisten wehren, stößt auf Empörung. Doch nicht jeder Vorwurf ist berechtigt.

1. Die Türkei soll in Kobani eingreifen, statt mit Panzern an der Grenze zu stehen und zuzuschauen

Wochenlang schwieg Bundeskanzlerin Angela Merkel zum IS-Angriff auf Kobani, dann warf sie der Türkei "Untätigkeit" vor. Der Tenor in vielen Medien ist seither ähnlich: Das türkische Militär steht mit einsatzbereiten Panzern an der Grenze zu Syrien und schaut zu, wie die Terroristen in Kobani Kurden töten. Besonders populär ist der Vergleich mit dem Massaker an 8.000 Muslimen im bosnischen Srebrenica. So wie damals die Vereinten Nationen sehe heute die Türkei einem Genozid zu.

Doch anders als damals die UN hat die Türkei kein Mandat zum Schutz der belagerten Stadt. Außerdem ist die kurdische Kampfeinheit (YPG), die in Kobani kämpft, eine ausgebildete Streitkraft, die ihre Stadt gern selbst verteidigen will. Sie fordert von der internationalen Gemeinschaft Waffen und Luftangriffe. Aber türkische Truppen in ihrer Stadt würde sie "als Besatzung" verstehen, wie der Kovorsitzende der kurdischen Partei PYD in Syrien, Salih Muslim, klarstellte.

2. Die Türkei ist immerhin Nato-Mitglied

"So sollte sich ein Nato-Partner nicht verhalten, wenn nur einen Steinwurf von seiner Grenze entfernt die Hölle losbricht", schimpfte ein Mitglied der US-Regierung. Immer wieder flechten Politiker und Journalisten in ihre Argumentation ein, die Türkei sei immerhin ein Nato-Mitglied, als würden sich daraus moralisch irgendwie höhere Ansprüche oder der Zwang zum Eingreifen in Kobani ergeben. Das aber ist Quatsch.  

Es gibt keinen Nato-Beschluss und noch nicht einmal einen ausdrücklichen Appell an die Türkei, direkt einzugreifen. Es ist auch verständlich, warum sich die anderen Nato-Länder nicht dazu entschließen. Die Türkei würde sich mit einer Intervention in Syrien zum Ziel möglicher Gegenangriffe des IS machen oder auch eine Reaktion des syrischen Regimes provozieren. Verteidigen könnte sie sich auch selbst, dennoch wäre eine solche Situation unter Umständen ein Bündnisfall, die Nato-Partner müssten beispringen.

Die Türkei hat die IS-Milizen zuvor auch gern in der Grenzregion walten lassen, solange sie nur gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad kämpften. Diese gemeinsame "Strategie" haben die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton und ihr türkischer Amtskollege vor gerade einmal zwei Jahren bekräftigt: Anti-Assad-Rebellen unterstützen und ansonsten Finger weg von Syrien. Und die PKK in der Grenzregion schwächen. Nun schimpfen US-Vertreter auf die Türkei, weil die sich an diesen Plan gehalten hat. Erdoğan liefert mit seinen diffusen, provokativen Reden nur die optimale Projektionsfläche für das Scheitern der gesamten internationalen Gemeinschaft in Syrien.

3. Die Türkei nutzt Kobani für eine Kampagne gegen die Kurden

"Für uns sind PKK und IS das Gleiche", sagte Erdoğan und löste damit Empörung aus. Schließlich verhandelt sein Geheimdienstchef Hakan Fidan mit dem inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan über den Friedensprozess. Die PKK ist längst ein politischer Akteur.

Doch wenn in türkischen Städten Anhänger militanter kurdischer Gruppen mit Messern und Schusswaffen aufeinander losgehen und dabei mehr als 40 Menschen sterben, hängt das zwar mit der türkischen Kurdenpolitik zusammen, ist aber vor allem eine Frage der Sicherheit, die der Staat gewährleisten muss. Deshalb ist es richtig, dass die türkische Regierung sich jetzt darüber Gedanken macht, wie sie die Gewalt bei den Kurdenprotesten verhindern kann.