Die Regierung dürfte versuchen, einen Keil zwischen die kurdische Bevölkerung und deren politische Wortführer zu treiben, zu denen etwa der Präsidentschaftskandidat Selahattin Demirtaş von der kurdischen Partei HDP gehört. Ihm warf Davutoğlu vor, die Protestierenden aufzustacheln und den Friedensprozess zu sabotieren. Er und seine Partei sollen als Militante dastehen, die den Frieden der Kurden in der Türkei gefährden.

Diesen Frieden haben viele Kurden schätzen gelernt. Eine breite kurdische Mittelschicht hat sich in den vergangenen Jahren etabliert. Viele profitieren von den ruhigen Zeiten, von der Teilhabe am ökonomischen und infrastrukturellen Aufschwung, die dem Südosten des Landes jahrzehntelang verwehrt geblieben war. Und davon wiederum profitiert auch die Regierungspartei. "Die Stimmen der Menschen aus den Kurdenregionen waren entscheidend für die absolute Mehrheit der AKP", sagt der Analyst Güzeldere. So dienen die Angriffe auf die kurdischen Politiker letztlich einem parteipolitischen Zweck.

Auf keinen Fall Frieden

Doch es ist fraglich, ob die Kurden wirklich lieber der AKP trauen als ihren eigenen Vertretern. Gerade Öcalan, der Mann auf der Insel, ist noch immer extrem einflussreich. Deshalb hängt viel davon ab, was er sagen wird, wenn sein Ultimatum heute abgelaufen ist. Es sei unwahrscheinlich, dass er zum bewaffneten Kampf aufruft, sagt Güzeldere. Denn dann käme er niemals mehr aus dem Gefängnis. Außerdem ist der Rückhalt der Gesellschaft für die PKK im Vergleich zu den neunziger Jahren zurückgegangen, als die Kurden brutal verfolgt wurden. So schlimm wie damals, so hoffen viele Kurden und Türken, wird es nie mehr werden. Auch Dank der Zugeständnisse der AKP, die den Kurden in den vergangenen Jahren mehr Rechte gegeben hat als alle Vorgängerregierungen. Sie dürfen nun in Schulen und Universitäten ihre eigene Sprache sprechen, es gibt kurdische Medien. Selbstverständlichkeiten, für die man vor zehn, fünfzehn Jahren noch im Gefängnis gelandet wäre.

Wie groß die Zerstörungswut wirklich sein wird, sollte Kobani fallen, kann niemand sagen. Sollte Öcalan heute zur Ruhe mahnen, ist das dennoch keine Garantie für Frieden. Zu viel Frust hat sich unter den Demonstranten angestaut. Öcalan, Bayık und auch der Co-Vorsitzende der prokurdischen HDP-Partei geben sich hier hilflos: Wenn Kobani fällt, sei die Bevölkerung nicht mehr zu kontrollieren. Die Solidarität mit den eingekesselten Kurden in Kobani ist groß. Die Kurden sind überzeugt, dass die Türkei die IS-Terroristen direkt oder indirekt dabei unterstützt, ihr Volk zu "vernichten".

Der Konflikt wird wohl noch Wochen und Monate andauern, sagt Güzeldere. Wie viele internationale Politikbeobachter vermutet er, dass IS-Terroristen nach dem Fall von Kobani die beiden anderen Kantone der kurdischen Autonomie in Syrien angreifen werden. In der Türkei erhöht das die Gefahr weiterer blutiger Unruhen.