Deutschland ist stolz: Es ist das einzige Land, mit dem das Riesenreich China Regierungskonsultationen auf Premierminister-Ebene führt. Seit Juni 2011 pflegen beide Länder den regelmäßigen Austausch. Rund zwei Dutzend Minister und mehrere Hundert Ministeriumsvertreter aus beiden Ländern beraten abwechselnd in Peking und Berlin über alte und neue Gemeinschaftsprojekte, schließen Abkommen und vereinbaren sogenannte "Dialogmechanismen".

Wenn Li Keqiang an diesem Freitag nach Berlin kommt, ist es für die Kanzlerin bereits das dritte Treffen mit der chinesischen Führung in diesem Jahr. Ende März kam Staatspräsident Xi Jinping nach Deutschland, im Juli reiste die Kanzlerin nach Peking und Chengdu. Nun leitet erstmals Premier Li mit ihr die Regierungskonsultationen. Eine so dichte Besuchsdiplomatie hat es zuvor kaum gegeben – und dennoch macht sich nicht nur Euphorie breit. Das hat auch mit ihm zu tun: Merkels wichtigster Ansprechpartner bei den Regierungskonsultationen, der chinesische Ministerpräsident, hat zuletzt deutlich an Einfluss verloren. Offiziell ist Li Keqiang zwar noch immer die Nummer zwei in China. Im Vergleich zu seinem Vorgänger Wen Jiabao hat er aber deutlich weniger Macht.

Seit den 1980er Jahren galt die Aufteilung: Für Militär, Staat und Partei, aber auch für die Ideologie im Land ist der Präsident zuständig. Der Premier dagegen trägt die Verantwortung für die Wirtschaftspolitik, und er ist es auch, der mit ausländischen Politikern über Wirtschaftsfragen spricht. Unter Präsident Xi Jinping ist das anders geworden: Der Staats- und Parteichef hat auch die Vertiefung der Reformpolitik zur Chefsache erklärt. Das Wirtschaftsreformpaket, das die Parteiführung im vergangenen November bei ihrem wichtigen dritten Plenum beschloss, hat er maßgeblich mitgeprägt. Die Staatsmedien erwähnten 34-mal Xi, als sie den Entwurf präsentierten. Der Name Li fiel nicht ein einziges Mal.

Im Juni dann übernahm Xi Jinping den Vorsitz der Zentralen Reform-Führungsgruppe, dabei handelt es sich um den einflussreichen "Super-Ausschuss", der exklusiv mit der Umsetzung des Reformprogramms betraut ist. Als Parteichef trat Xi damit ganz bewusst in den Vordergrund der Tagespolitik. Li dagegen, der Makroökonom in der chinesischen Führung, musste sich mit dem stellvertretenden Vorsitz begnügen.

Und auch in der Diplomatie fährt ihm der Präsident immer häufiger in die Parade: Xi nimmt Termine mit ausländischen Gästen wahr, die eigentlich in Lis Ressort fallen, etwa mit dem US-Schatzmeister, dem britischen Premierminister Cameron oder führenden EU-Vertretern, die zur eigenen Überraschung teils nur noch Xi und nicht mehr Li zu sehen bekommen.

Seit dem Reformarchitekten Deng Xiaoping hatte kein chinesischer Politiker mehr so viel Macht wie Xi Jinping. Innerhalb kürzester Zeit gelang es dem Staats- und Parteichef, seine Machtbasis zu konsolidieren, mehr noch: Er betrieb eine politische Zentralisierung im Eiltempo, verkleinerte das Politbüro von neun auf sieben Mitglieder und begann schnell, einen personalisierten, autoritären Führungsstil zu pflegen. Vorbei sind die Zeiten der kollektiven Führung.

Für den Premier bleibt da kaum mehr als eine Statistenrolle. Li Keqiang, der Sohn eines lokalen Parteifunktionärs, ist in weniger Kommissionen vertreten als sein Vorgänger Wen Jiabao. Der strategische Kopf darf nur noch umsetzen, was Xi entschieden hat. Li, der fließend Englisch spricht, reist lächelnd durch die Welt und verkündet, was zuvor von Xi als Strategie ausgegeben wurde.