In Brasilien sind Staatschefin Dilma Rousseff und ihre Herausforderer in die erste Runde der Präsidentschaftswahl gegangen. Rund 143 Millionen Wahlberechtigte des Landes sind aufgerufen, über das Amt des Staatsoberhauptes zu entscheiden. Mehr als 400.000 Sicherheitskräfte wachen über die Wahl in Südamerikas bevölkerungsreichstem Land. Amtsinhaberin Rousseff galt nach letzten Umfragen als Favoritin, musste aber damit rechnen, sich in einer Stichwahl erneut den Wählern zu stellen. 

Aussichtsreichste Gegenkandidaten sind die frühere Umweltministerin Marina Silva und der etwas konservativere Aécio Neves, früher Gouverneur des zweitgrößten Bundesstaats Brasiliens. Letzte Umfragen vor der Wahl sagten Rousseff 40,6 bis 46 Prozent der Stimmen voraus. Neves kam auf 24 bis 27 Prozent der Stimmen, knapp dahinter folgte Silva mit 21 bis 24 Prozent der Stimmen.

Allerdings könnten Rousseff im ersten Wahlgang womöglich auch weniger als 50 Prozent der Stimmen für eine sofortige Wiederwahl reichen; nach dem brasilianischen Wahlrecht muss der Sieger lediglich mehr Stimmen auf sich vereinen als alle Rivalen zusammen – Enthaltungen und ungültige Stimmen werden dabei nicht berücksichtigt.

Der Wahlkampf war von auf und ab in den Meinungsumfragen geprägt. Nach dem der sozialistische Spitzenkandidat Eduardo Campos im August bei einem Flugzeugabsturz verunglückt war, trat Silva an seine Stelle – und legte in den Umfragen sofort deutlich zu. Doch Rousseff setzte sich mit einer energischen Kampagne zur Wehr und holte wieder auf. Beide Kandidatinnen lieferten sich im Wahlkampf harte Diskussionen, insbesondere zum Thema Armutsbekämpfung.

Bei der WM wurde Rousseff noch ausgepfiffen

Nach einem klaren Sieg für Rousseff sah es im Sommer noch nicht aus: Viele Brasilianer drückten ihre Unzufriedenheit mit der Regierung in großen Demonstrationen aus und protestierten für Reformen und Sozialleistungen. Während der Fußballweltmeisterschaft wurde Rousseff in den Stadien lautstark ausgepfiffen.

Gleichzeitig sagen jedoch etwa drei Viertel der Brasilianer, sie seien zufrieden mit ihrem Leben – und Rousseff steht für Kontinuität. Ihre Arbeiterpartei ist seit fast zwölf Jahren an der Macht. In dieser Zeit haben starke Sozialprogramme Millionen von Menschen den Aufstieg aus der Armut in die Mittelschicht ermöglicht. Rousseff hat vor allem bei den Ärmsten Rückhalt. Die Wirtschaft ist jedoch in den vergangenen vier Jahren ins Stocken geraten. Rousseff verspricht, dass der Staat weiter lenkend eingreift, was bei Unternehmen auch für Kritik sorgt.

Silva und Neves setzen auf etwas mehr Zurückhaltung des Staats gegenüber der Wirtschaft. So soll die Zentralbank unabhängig sein und es soll Privatisierungen geben. Außerdem plädieren beide für Handelsabkommen mit Europa und den USA.

Die Brasilianer stimmen am Sonntag ebenfalls über die Abgeordneten des Kongresses und über ihre Gouverneure ab. Angesichts der elektronischen Stimmabgabe werden die Wahlergebnisse bereits wenige Stunden nach Schließung der Wahllokale in der Nacht zum Montag deutscher Zeit erwartet. Wählen ist für alle Brasilianer zwischen 18 und 70 Jahren Pflicht. 16- bis 18-Jährige sowie über 70-Jährige wählen dagegen auf freiwilliger Basis.