Bisher sprachen die Behörden von einer hohen Dunkelziffer; jetzt scheint es zumindest einigermaßen verlässliche Schätzungen zu geben: Der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) zufolge ist die Zahl der Salafisten, die von Deutschland gen Syrien und Nordirak ausgereist sind, vier Mal so hoch wie bislang offiziell angegeben. Das hätten Berechnungen von Sicherheitsbehörden ergeben.

Der Zeitung zufolge reisten nicht rund 450, sondern 1.800 radikale Islamisten aus Deutschland aus, um sich der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) oder anderen radikalislamistischen Organisationen anzuschließen. "Wir müssen die offiziellen Angaben mit dem Faktor vier multiplizieren, um eine realistische Zahl zu erhalten", zitiert die FAS einen Verfassungsschützer. Eine Analyse der vorhandenen Daten und die Kenntnis über salafistische Netzwerke führten zu diesem Schluss.

Bislang konnte in vielen Fällen die Ausreise nach Syrien oder in den Nordirak nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden, zudem wurden die Zahlen aus den einzelnen Bundesländern nicht offengelegt. 

Behörden überfordert

Aus Sicherheitskreisen heißt es laut FAS, dass Polizei und Verfassungsschutz jede Woche Kenntnis über zahlreiche Personen erhielten, die nach Syrien ausgereist seien, und von deren Absichten die Behörden zuvor keine Ahnung hatten. Mangels Personals sei es für die Behörden nicht möglich, dieser Ausreisewelle angemessen zu begegnen. Wegen des NSU-Skandals seien viele Kollegen in den Verfassungsschutzämtern in den Bereich Rechtsextremismus versetzt worden und fehlten nun an entsprechender Stelle – und das bei einer steigenden Zahl von Salafisten.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat sich bereits für die Abschiebung gewaltbereiter Salafisten aus Deutschland und den Entzug ihrer Staatsbürgerschaft ausgesprochen. Doch das ist umstritten: Es könnte den Zulauf des IS erst recht vergrößern. Zudem verbietet das Grundgesetz die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft.

Deutsche Kämpfer für die PKK

Offenbar reisen auch immer mehr Kurden aus Deutschland nach Syrien aus, um dort die PKK im Kampf gegen den IS zu unterstützen. Das berichtet der Spiegel. Dem Nachrichtenmagazin zufolge liegt die Zahl der aus Deutschland stammenden Kämpfer, die nach Syrien in den Krieg gereist sind, bei 50 Personen. 

Aus Sicherheitskreisen heißt es, oft sprächen speziell geschulte Rekrutierer die potenziellen Aktivisten an. Zunächst bekämen sie eine ideologische Schulung in den Niederlanden oder Belgien. Dann schleuse man sie über den Irak ins türkische Grenzgebiet, wo sie eine militärische Ausbildung erhielten.

Für die Sicherheitsbehörden sei es beinahe unmöglich, die Ausreise der PKK-Kämpfer zu verhindern. "Diese Leute sind nicht so blöd wie die Dschihadisten", zitiert der Spiegel einen Geheimdienstler. Man könne sie kaum von normalen Reisenden unterscheiden. Zudem posteten sie im Unterschied zu den IS-Anhängern auch selten Fotos in sozialen Netzwerken. "Wir stochern da ziemlich im Nebel", sagte ein Beamter.

Gewalt kommt nach Deutschland

Polizei und Verfassungsschutz beobachteten zudem mit Sorge, wie sich die Präsenz der zurückkehrenden PKK-Kämpfer auf das angespannte Verhältnis zur salafistischen Szene in Deutschland auswirke. Erst kürzlich hatte das Bundeskriminalamt (BKA) in einer vertraulichen Lageeinschätzung vor einer "starken Emotionalisierung" der Kurden gewarnt. Es könnte auch hierzulande zu Angriffen von Kurden auf Islamisten kommen.

Eine Einschätzung, die das nordrhein-westfälische Innenministerium offenbar teilt. Es lägen vermehrt Hinweise darauf vor, "dass es vor allem in kurdischen und jesidischen Kreisen, teilweise aber auch in schiitischen Gruppen, eine wachsende Bereitschaft gibt, mit Gewalt gegen erkannte Salafisten vorzugehen", heißt es laut Spiegel in einem Schriftstück, das nach einem Treffen zwischen Verfassungsschützern und Staatsschützern des Düsseldorfer Landeskriminalamts erstellt wurde. Der Hass auf Sympathisanten der Terrormiliz "Islamischer Staat" könne sich "jederzeit durch Handgreiflichkeiten entladen", ohne dass es dazu weiterer Provokationen bedürfe.