"Die Türken leiden unter Kurdophobie"

ZEIT ONLINE: Herr Muslim, kann Kobani noch gerettet werden?

Salih Muslim: Natürlich. Wir werden Kobani nicht aufgeben. Auch wenn es am Ende halb zerstört ist. Es kommt jetzt sehr auf die Unterstützung von außen an. Die Menschen in der Stadt werden sich bis zur letzten Kugel wehren. Bis zum letzten Atem. Denn wenn Kobani fällt, wird es ein Massaker, einen Völkermord geben, den die Menschheit des 21. Jahrhunderts nicht akzeptieren kann.

ZEIT ONLINE: Wie geht es den Menschen, die sich immer noch in Kobani befinden, was hören Sie?

Muslim: Wir wissen nicht genau, wie viele Zivilisten und Kämpfer sich noch in der Stadt befinden, weil sich die Anzahl ständig ändert. Auch Zivilisten kämpfen und verteidigen ihre Häuser. Ich schätze, es sind insgesamt um die 10.000 Menschen, die kämpfen. Es herrscht Mangel an allem. Nahrung, Munition, alles. Auch, wenn unsere Leute immer wieder Wege finden, sie zu erreichen und Nachschub zu liefern. Erst gestern sind zwei große Wagen mit Lebensmitteln dort angekommen. Aber das Wichtigste, was die Menschen in Kobani brauchen, sind Waffen. Panzerbrechende Waffen. Mit ihnen können sie den "Islamischen Staat" schlagen.

ZEIT ONLINE: Woher hat die YPG, die kurdischen Volksverteidigungseinheiten, die gegen den IS kämpft, ihre Waffen?

Muslim: Aus den alten Beständen. Aber es sind zu leichte Waffen.

ZEIT ONLINE: Was erwarten Sie von der internationalen Staatengemeinschaft? Waffen?

Muslim: Alles. Wir erwarten, dass ein Korridor geöffnet wird, damit wir unsere Leute erreichen können. Kobani liegt zwischen zwei anderen Kantonen, Cizîrê und Efrîn, aber es von Westen oder Osten zu versuchen, ist einfach zu weit. Von Süden geht es auch nicht, da ist schon überall der IS. Kobani selbst ist ja auch umstellt. Es gibt nur einen einzigen Weg: über die türkische Grenze. Wenn dieser Weg offen wäre, würde sich die Situation schnell verbessern. Auch für unsere Verletzten. Aber die Türken haben ihre eigenen Interessen.

ZEIT ONLINE: Ist es möglich, verletzte Kämpfer über die türkische Grenze in Krankenhäuser zu bringen?

Muslim: Es gibt einige Schwierigkeiten. Gestern wollten neun Verletzte über die türkische Grenze. Sie durften nicht rüber, mussten warten. Zwei sind gestorben.

ZEIT ONLINE: Sie waren letzte Woche zu Gesprächen in Istanbul. Worum ging es dabei?

Muslim: Es war mein vierter Besuch in der Türkei innerhalb eines Jahres. Jedes Mal haben die Türken mich eingeladen. In den türkischen Medien stand daraufhin, dass die türkische Regierung Bedingungen für Hilfe gestellt hätte. Es gab aber keine Bedingungen. Die Türken wissen, dass wir keinerlei Beziehungen zum Syrischen Regime haben, dass wir keine Verbindung zur PKK haben – und dass wir syrischen Kurden keine Bedrohung für die Türkei sind.

ZEIT ONLINE: Sie haben nichts mit der PKK zu tun?

Muslim: Wir sind verbrüderte Parteien, aber wir haben eine eigene Sicht auf die Dinge in der Region. Und die Türken wissen das auch. Wir syrischen Kurden haben in unseren Gebieten mit Rojava ein demokratisches System etabliert, das ein Modell für die Zukunft sein könnte. Niemand kann uns das zum Vorwurf machen. Und niemand kann erwarten, dass Syrien jemals wieder zurückkehren wird zu einer Diktatur. Rojava könnte ein Vorbild für ganz Syrien sein.

ZEIT ONLINE: Was werfen Ihnen die Türken denn vor?

Muslim: Die Türken leiden unter Kurdophobie, das ist alles.

ZEIT ONLINE: Immer noch? Kommen Sie – glauben Sie das wirklich?

Muslim: Ja, immer noch.

ZEIT ONLINE: Ist es Kurdophobie oder nicht eher PKK-Phobie?

Muslim: Nein, nein, es ist Kurdophobie. Sie mögen nichts Kurdisches, wenn etwas kurdisch ist, wollen sie es zerstören. Ich glaube, es war Präsident Süleyman Demirel, der mal sagte: Und wenn die Kurden in Südafrika rebellieren sollten, müssen wir sie auch dort bekämpfen! Dabei sind wir keine Gefahr für die Türkei. Nicht im Geringsten. Aber der IS schon. Ich habe oft mit den Türken über diese Gefahr diskutiert. Und sie haben versprochen, Kobani gegen den IS zu helfen. Sie versprachen humanitäre Hilfe und Unterstützer der Kämpfer über die Grenze zu lassen. Aber passiert ist nichts.

"Wir wollen uns nur verteidigen!"

ZEIT ONLINE: Der türkischen Regierung gefällt eine kurdische Autonomie wie in Rojava nicht. Vermutlich gibt es die Sorge, sie könnte auch auf die Kurden in der Türkei ausstrahlen.

Muslim: Dieses demokratische Modell ist nicht nur Modell für Syrien, sondern für alle Menschen in der Region. Wir haben nichts Falsches gemacht, indem wir es errichtet haben. Bei uns verteidigen Muslime Kirchen, sie verteidigen Jesiden, Andersgläubige. Das gab es im Nahen Osten noch nie. In Rojava findet ein Mentalitätenwechsel statt, eine Demokratisierung. Davor fürchten sich viele. Auch davor, dass wir Frauenrechte stärken. In unserem Modell gibt es eine Frauenquote. Meine Partei hat etwa zwei Vorsitzende: Asia Abdullah und mich. Schauen Sie: Frau Abdullah ist gerade in Kobani. Und ich sitze hier mit Ihnen in Sicherheit.

ZEIT ONLINE: Kämpft sie?

Muslim: Wenn es sein muss, wird sie. Und ich auch. Bis jetzt hatte ich noch nie eine Waffe in der Hand.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren denn die Türken, wenn Sie Ihnen versichern, dass Sie keine Gefahr für sie darstellen?

Muslim: Sie sagen: Das wissen wir. Aber die Türken sagen etwas, und tun etwas anderes. Das geht schon seit 500 Jahren so.

ZEIT ONLINE: Würden Sie sagen: Ich bin von den Türken enttäuscht?

Muslim: Ja. Aber ich unterscheide zwischen den Türken und der Regierung.

ZEIT ONLINE: Staatspräsident Tayyip Erdoğan sagt, dass es keinen Unterschied zwischen der PKK und dem IS gebe.

Muslim: (Lächelt müde) Wir Kurden sind die einzige Kraft im Nahen Osten, die gegen den IS kämpft. Deshalb nennt er uns Terroristen? Wir kämpfen derzeit gegen die Terroristen. Wir retten Menschenleben. Es waren YPG-Kräfte, die mehr als 150.000 Jesiden im Sindschar-Gebirge gerettet haben.

ZEIT ONLINE: Was erwarten Sie von der Türkei?

Muslim: Dass sie einen Korridor öffnet und die Kurden durchlässt, die in Kobani kämpfen wollen. Das ist alles. Wir sind nicht die Gefahr. Wir kämpfen seit eineinhalb Jahren gegen den IS – die Türken sollen mir eine einzige Kugel zeigen, die von uns auf die türkische Seite geflogen ist. Wir wollen uns nur verteidigen!

ZEIT ONLINE: Türkische Truppen wollen Sie aber nicht dabei haben, oder?

Muslim: Nein, türkische Truppen in Rojava würden wir als Besatzung betrachten. Aber wir würden es akzeptieren, wenn etwa die Vereinten Nationen eine Pufferzone errichten würden.

ZEIT ONLINE: Bekommen Sie Hilfe von den Kurden im Nordirak?

Muslim: Ich werde die nächsten Tage nach Erbil reisen und mit Präsident Barzani sprechen. Auch ihn haben wir schon oft um Hilfe gebeten. Aber er hat gute Beziehungen zur Türkei. Man macht Geschäfte miteinander.

ZEIT ONLINE: Haben Sie jemals einen IS-Kämpfer gesehen oder gesprochen?

Muslim: Ich habe zwölf Jahre in Saudi-Arabien gelebt. Ich kenne die Mentalität dieser Leute sehr gut. Sie sind gegen jede Menschlichkeit. Wir müssen uns gemeinsam gegen sie stellen. Sie wollen nach Spanien, nach Wien. Expandieren. Sie sind auch eine Gefahr für Europa.

ZEIT ONLINE: Für viele Menschen in Syrien ist Präsident Assad eine viel größere Gefahr als der IS. Warum hat sich Ihre Partei zu Beginn des Syrischen Bürgerkrieges nicht der syrischen Opposition gegen Assad angeschlossen?

Muslim: Das ist nicht wahr, das ist türkische Propaganda. Wir sind gegen das Assad-Regime.

ZEIT ONLINE: Es gab kein Arrangement: Du lässt uns in Ruhe, und wir dich?

Muslim: In keiner Weise. Als der damalige türkische Premierminister Tayyip Erdoğan 2004 mit den Assads Urlaub machte, wurden wir in den Kellern des syrischen Geheimdienstes gefoltert. Wir haben viele Freunde verloren. Aber ich bin Politiker. Und ich werde nicht unsere jungen Menschen nach Damaskus schicken, um gegen das Assad-Regime zu kämpfen. Wir werden nicht die Soldaten für andere sein.

ZEIT ONLINE: Stimmt es, dass Ihr Sohn vergangenes Jahr gefallen ist?

Muslim: Ja. Gerade war sein erster Todestag. Ich bin stolz auf ihn. Er ist gestorben, als er die Menschlichkeit verteidigte.