ZEIT ONLINE: Der türkischen Regierung gefällt eine kurdische Autonomie wie in Rojava nicht. Vermutlich gibt es die Sorge, sie könnte auch auf die Kurden in der Türkei ausstrahlen.

Muslim: Dieses demokratische Modell ist nicht nur Modell für Syrien, sondern für alle Menschen in der Region. Wir haben nichts Falsches gemacht, indem wir es errichtet haben. Bei uns verteidigen Muslime Kirchen, sie verteidigen Jesiden, Andersgläubige. Das gab es im Nahen Osten noch nie. In Rojava findet ein Mentalitätenwechsel statt, eine Demokratisierung. Davor fürchten sich viele. Auch davor, dass wir Frauenrechte stärken. In unserem Modell gibt es eine Frauenquote. Meine Partei hat etwa zwei Vorsitzende: Asia Abdullah und mich. Schauen Sie: Frau Abdullah ist gerade in Kobani. Und ich sitze hier mit Ihnen in Sicherheit.

ZEIT ONLINE: Kämpft sie?

Muslim: Wenn es sein muss, wird sie. Und ich auch. Bis jetzt hatte ich noch nie eine Waffe in der Hand.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren denn die Türken, wenn Sie Ihnen versichern, dass Sie keine Gefahr für sie darstellen?

Muslim: Sie sagen: Das wissen wir. Aber die Türken sagen etwas, und tun etwas anderes. Das geht schon seit 500 Jahren so.

ZEIT ONLINE: Würden Sie sagen: Ich bin von den Türken enttäuscht?

Muslim: Ja. Aber ich unterscheide zwischen den Türken und der Regierung.

ZEIT ONLINE: Staatspräsident Tayyip Erdoğan sagt, dass es keinen Unterschied zwischen der PKK und dem IS gebe.

Muslim: (Lächelt müde) Wir Kurden sind die einzige Kraft im Nahen Osten, die gegen den IS kämpft. Deshalb nennt er uns Terroristen? Wir kämpfen derzeit gegen die Terroristen. Wir retten Menschenleben. Es waren YPG-Kräfte, die mehr als 150.000 Jesiden im Sindschar-Gebirge gerettet haben.

ZEIT ONLINE: Was erwarten Sie von der Türkei?

Muslim: Dass sie einen Korridor öffnet und die Kurden durchlässt, die in Kobani kämpfen wollen. Das ist alles. Wir sind nicht die Gefahr. Wir kämpfen seit eineinhalb Jahren gegen den IS – die Türken sollen mir eine einzige Kugel zeigen, die von uns auf die türkische Seite geflogen ist. Wir wollen uns nur verteidigen!

ZEIT ONLINE: Türkische Truppen wollen Sie aber nicht dabei haben, oder?

Muslim: Nein, türkische Truppen in Rojava würden wir als Besatzung betrachten. Aber wir würden es akzeptieren, wenn etwa die Vereinten Nationen eine Pufferzone errichten würden.

ZEIT ONLINE: Bekommen Sie Hilfe von den Kurden im Nordirak?

Muslim: Ich werde die nächsten Tage nach Erbil reisen und mit Präsident Barzani sprechen. Auch ihn haben wir schon oft um Hilfe gebeten. Aber er hat gute Beziehungen zur Türkei. Man macht Geschäfte miteinander.

ZEIT ONLINE: Haben Sie jemals einen IS-Kämpfer gesehen oder gesprochen?

Muslim: Ich habe zwölf Jahre in Saudi-Arabien gelebt. Ich kenne die Mentalität dieser Leute sehr gut. Sie sind gegen jede Menschlichkeit. Wir müssen uns gemeinsam gegen sie stellen. Sie wollen nach Spanien, nach Wien. Expandieren. Sie sind auch eine Gefahr für Europa.

ZEIT ONLINE: Für viele Menschen in Syrien ist Präsident Assad eine viel größere Gefahr als der IS. Warum hat sich Ihre Partei zu Beginn des Syrischen Bürgerkrieges nicht der syrischen Opposition gegen Assad angeschlossen?

Muslim: Das ist nicht wahr, das ist türkische Propaganda. Wir sind gegen das Assad-Regime.

ZEIT ONLINE: Es gab kein Arrangement: Du lässt uns in Ruhe, und wir dich?

Muslim: In keiner Weise. Als der damalige türkische Premierminister Tayyip Erdoğan 2004 mit den Assads Urlaub machte, wurden wir in den Kellern des syrischen Geheimdienstes gefoltert. Wir haben viele Freunde verloren. Aber ich bin Politiker. Und ich werde nicht unsere jungen Menschen nach Damaskus schicken, um gegen das Assad-Regime zu kämpfen. Wir werden nicht die Soldaten für andere sein.

ZEIT ONLINE: Stimmt es, dass Ihr Sohn vergangenes Jahr gefallen ist?

Muslim: Ja. Gerade war sein erster Todestag. Ich bin stolz auf ihn. Er ist gestorben, als er die Menschlichkeit verteidigte.