Die Zuschauer auf dem Al-Safah-Platz haben für solche Bedenken keinerlei Verständnis. Sie empfinden sie als typisch westliche Bevormundung. "Leute wissen, wo sie bei uns dran sind. Sie bekommen ihre gerechte Strafe – das dient der Sicherheit unseres Landes", sagt ein fülliger Saudi in traditioneller Kleidung. Ein älterer Herr mit schütterem Haar, abgewetztem Trainingsanzug und goldfarbenen Brillengestell gesellt sich dazu. Der 66-Jährige, der sich Aziz nennt, stellt sich in makellosem Englisch als pensionierter Geheimdienst-General vor. In den 1980er Jahren habe er als junger Leutnant saudische Geldkoffer eigenhändig nach Afghanistan zu Osama bin Laden und dessen Gefolgsleuten gebracht. "Ich habe alle Terroristen gekannt", brüstet er sich.

Damals im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer züchteten die Saudis die erste Generation arabischer Gotteskrieger heran. Drei Jahrzehnte später steht das superreiche Wahabitenreich, das sich auf eine ähnlich fundamentalistische Koran-Auslegung stützt wie die IS-Kämpfer, nun selbst im Visier der Extremisten – und fliegt Seite an Seite mit den USA Luftangriffe gegen die blutrünstigen Fanatiker des islamischen "Kalifats".

Parallelen zwischen der archaischen Strafpraxis der saudischen Monarchie und ihren Nachahmern vom IS, die bisher vier westlichen Geiseln vor Kameras die Köpfe abschnitten, wollen Geheimdienstveteran Aziz und Umstehende nicht gelten lassen. "Was ISIS macht, sind Verbrechen; was wir tun, geschieht nach Recht und Gesetz des Islam", deklamieren sie. Davon abgesehen seien Enthauptungen humaner und weniger qualvoll als Giftspritze oder elektrischer Stuhl.

Handybilder verboten

So professionell der "Islamische Staat" seine Enthauptungsvideos für das Internet inszeniert, so generalstabsmäßig plant auch die Heimat des Propheten Mohammed die öffentlichen Hinrichtungen. Bereitschaftspolizisten beordern alle Passanten hinter die Absperrgitter und halten jeden Zuschauer im Auge. Niemand darf auch nur ein Handy in die Hand nehmen, Fotos vom Hinrichtungsort sind streng verboten – sie könnten den Ruf des Landes schädigen. Imbissstube und Café unter den Arkaden müssen schließen.

Kurz vor dem Nachmittagsgebet fahren mit Blaulicht und Sirenen zwei Gefangenentransporter und zwei Krankenwagen auf, gefolgt vom SUV des Staatsanwalts und einem weißen Pickup mit Verwandten eines Mordopfers. Nach Scharia-Recht kann die Familie den zum Tode Verurteilten im letzten Moment begnadigen. In diesem Fall wird ein Blutgeld fällig, der Tarif für Mord liegt in Saudi-Arabien gegenwärtig bei umgerechnet 60.000 Euro. Doch die Verwandten lehnen endgültig ab, exakt sechs Minuten später entfernen sich die beiden Henker nach vollbrachter Tat mit strammem Schritt vom Exekutionsort. Ein Krankenwagen rollt heran, Sanitäter schlagen die Enthaupteten in die blutgetränkten Decken, hieven sie auf Bahren und schieben sie ins Innere, dann jagen sie heulend davon.

Der pensionierte Geheimdienst-General Aziz wirkt erleichtert. Zufrieden steckt er sich eine Zigarette an und spendiert den ausländischen Besuchern Dosen-Cola aus dem Imbiss. Ob es ihnen gefallen habe und ob sie wiederkommen werden, will er wissen. "Wir hätten allen ISIS-Leuten sofort die Köpfe abschlagen sollen wie diesen Mördern, dann hätten wir dieses Problem heute nicht", deklamiert er in die Runde.

Am Hinrichtungsort steht inzwischen ein weißer Tankwagen, der im Vorhof der Moschee gewartet hatte. Einige Saudis schauen zu, wie pakistanische Gastarbeiter die Steine schrubben. Mit einem dicken Schlauch spülen sie das Blut in einen speziellen Abfluss in der Platzmitte. Dann sind die jungen Fußballer vom Mittag wieder da. Einer im Ronaldo-Trikot lässt den Ball tanzen. Andere kurven lachend um die große Pfütze, als wäre hier nie etwas geschehen.