Irritierend am Anti-Terror-Kampf im Mittleren Osten ist das seltsame Bündnis, das sich gegen die IS-Milizen zusammengefunden hat. Die USA führen die Allianz an, EU-Nationen gehören dazu, arabische Staaten wie Ägypten, Katar und Saudi-Arabien. Sogar Russland und der Iran reklamieren, gegen die Dschihadisten zu kämpfen, weil sie den syrischen Diktator Baschar al-Assad mit Waffen oder Soldaten unterstützen.  

Anfang der Woche hat Außenminister Frank-Walter Steinmeier Saudi-Arabien besucht. Er traf den dienstältesten Außenminister der Welt, Saud al-Faisal, und Kronprinz Salman. Beide waren in Dschidda, der Sommerfrische der Saudis am Roten Meer, wo es im Oktober noch heiß und schwül ist. Im Schatten einer Palme im Garten des deutschen Generalkonsulats sagte Steinmeier: "Wenn wir mit den Konflikten im Mittleren Osten fertig werden wollen, dann führt an Saudi-Arabien kein Weg vorbei."  

Das Land ist einer der ganz schwierigen Bündnispartner im Kampf gegen die IS-Milizen. Eine Monarchie, in der der König absolut herrscht, ein islamistischer Staat mit strengsten Regeln und dem Export radikaler Gedanken, ein System mit sunnitischen Racherichtern, die Menschen wie den schiitischen Scheich Nimr al-Nimr wegen seiner Predigten zum Tode verurteilen.  

Es klingt paradox und ist trotzdem richtig, Saudi-Arabien in die Allianz gegen den IS zu holen, wie die USA es schon vor Wochen getan haben. Das hat diesmal nichts mit Öl zu tun, nichts mit dem ewigen Ringen mit den Mullahs im Iran, nichts mit den alten Deals am Arabischen Golf. Diesmal spielt die eigenartige Nähe und Distanz der Saudis zu den IS-Milizen eine ganz wichtige Rolle.

Denn die IS-Milizen sind zwar eine zusammengewürfelte Truppe aus unheiligen Kriegern, Saddam-Hussein-Offizieren, Kriminellen und anderen Leuten, die in ihrem Leben vieles falsch gemacht haben und jetzt meinen, im fortgesetzten Morden zu Gott zu finden. Aber das, was sie sich als ideologischen Mantel umhängen, ähnelt sehr jener strengen Auslegung des Islams, der in Saudi-Arabien gehuldigt wird. Die salafistische Lehre ist von Saudi-Arabien weit über das Land und die Region hinaus von Predigern und Schulen, auf Netzseiten und in Moscheen verbreitet worden.

Doch was daheim als religiöse Legitimation des Königshauses gilt, kehrt aus dem Ausland als Bedrohung nach Saudi-Arabien zurück. Das Land hat in den vergangenen elf Jahren schlimme Anschläge salafistisch inspirierter Terroristen erlebt. Das Königshaus gilt diesen Dschihadisten als ärgster Feind und unrechtmäßiger Herrscher über die Heiligen Stätten in Mekka und Medina. Die IS-Milizen hassen König Abdullah.  

Manche sagen, der saudische Staat finanziere die IS-Dschihadisten. Das ist wenig plausibel. Wenn die IS-Milizen über ihre reichen Quellen aus Öl, Kidnapping und Antikenhandel überhaupt noch Geld brauchen sollten, dann kann Geld von saudischen Privatleuten geflossen sein. Beweise gibt es nicht. Doch von diesen Privatleuten geht die zweite Bedrohung des Königshauses aus.  

Die Opposition in Saudi-Arabien sind nicht Liberale (von denen es nur wenige gibt), nicht Monarchiegegner (von denen es noch weniger gibt), sondern die vielen salafistischen Rechtskonservativen. Nicht jeder ist IS-Fan, aber sie beargwöhnen jede Reform des Königs wie die Reisefreiheit für Frauen, die Einführung des Frauenwahlrechts und die Berufung von Frauen in die Schura-Versammlung. Die Opposition steht stramm rechts.  

Frank-Walter Steinmeier hat in Dschidda die Angst des Königshauses gespürt. Der seit 1975 amtierende Außenminister Saud al-Faisal und der rund achtzigjährige, gebrechliche Kronprinz haben schon viele Bedrohungen gesehen. Doch die dschihadistische Gefahr war kaum je so groß seit 1979, als der radikale Islamist Dschuhaiman al-Utaibi mit seiner Miliz die Moschee von Mekka besetzte.   

Eine beunruhigende Nachricht beim Eintreffen Steinmeiers zeigte das. Die Saudis betreiben seit Jahren ein Resozialisierungsprogramm für Dschihadisten. Beamte in Dschidda gaben nun bekannt, dass ein Fünftel der umerzogenen Radikalen zurück in den Kampf gegangen ist. Journalisten in Dschidda vermuten, die Zahl sei in Wahrheit viel höher. Die alten Herrscher Saudi-Arabiens werden von jungen Kämpfern bedroht, die ihre Ururenkel sein könnten. Deren Selbstbewusstsein ist groß, sie stammen aus allen Schichten der saudischen Gesellschaft und glauben, ihnen und dem "Islamischen Staat" von Abu Bakr al-Bagdadi gehöre die Zukunft. Heute kämpfen sie noch im Irak und in Syrien. Irgendwann könnten sie sich nach Süden wenden, um wie einst Al-Utaibi die Heiligen Stätten zu besetzen.  

Darum ist Saudi-Arabien Teil der Allianz gegen die IS-Milizen. Und deshalb wird der Besuch von Frank-Walter Steinmeier in diesem Land nicht der letzte eines westlichen Außenministers gewesen sein.