Gerade treffen sich in Rom fast 200 Bischöfe zu einer Synode, Franziskus hat dort Kekse verteilt und zur freien Rede ermuntert. Ob es der Zucker im Gebäck war oder es an der Atmosphäre lag, wer weiß. Jedenfalls wurden Dinge ausgesprochen, ja sogar schriftlich festgehalten, die noch bis vor Kurzem eine Moraltheologenkarriere beendet hätten. Einer dieser Sätze besagt: Homosexuelle sind nicht nur Menschen (das immerhin steht ja schon eine Weile im Katechismus), sie sind sogar Menschen, die die katholische Kirche bereichern. Eine Ehe dürfen zwar auch weiterhin nur Mann und Frau eingehen, die Bischöfe nehmen jedoch wahr, was sie bisher als treue Diener des Lehramtes eisern übersehen mussten: Es gibt auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften, "bei denen die gegenseitige Hilfe bis zur Aufopferung" anerkannt werden müsse.

Ist womöglich nun alles, was nicht explizit verboten ist, erlaubt? Franziskus macht jedenfalls den Eindruck, dass er Kopf und Herz befreien will von der Detailversessenheit und der Lust am Verbieten. "Wenn zum Beispiel ein Pfarrer während des liturgischen Jahres zehnmal über die Enthaltsamkeit und nur zwei- oder dreimal über die Liebe oder über die Gerechtigkeit spricht, entsteht ein Missverhältnis", schreibt er in Evangelii Gaudium. Das Gleiche geschehe, "wenn mehr vom Gesetz als von der Gnade, mehr von der Kirche als von Jesus Christus, mehr vom Papst als vom Wort Gottes gesprochen wird."

Das klingt nach Befreiung. Ob Schwule und Lesben ihre Sexualität ausleben dürfen, dazu schweigt der Zwischenbericht der Synode jedoch diskret. Die Glaubenskongregation, also die Hüterin der kirchlichen Lehre, spricht dagegen traditionell ausgiebig darüber in eindeutig ablehnender Form. Im März 2012 zum Beispiel erregte das Buch Just Love der amerikanischen Ordensfrau und Yale-Professorin Margret Farley den Männerkreis. Die Theologin hatte dargelegt, dass für homosexuelle Liebe keine andere Ethik gelte als für heterosexuelle. Es komme auf Einvernehmlichkeit, Gerechtigkeit und Verbindlichkeit an. Die Glaubenskongregation zürnte daraufhin: "Diese Meinung ist nicht annehmbar". Homosexuelle Handlungen seien an sich nicht in Ordnung. "Sie verstoßen gegen das natürliche Gesetz, denn die Weitergabe des Lebens bleibt beim Geschlechtsakt ausgeschlossen. Sie entspringen nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit. Sie sind in keinem Fall zu billigen". 

Wer die katholische Kirche von außen betrachtet, mag verächtlich lachen ob all der Unterleibskrämpfe. Warum kann diese Großinstitution nicht einfach sagen: Homosexualität gehört zur Schöpfung dazu und fertig?

Weil eine solche Aussage das Machtgefüge ins Wanken bringen würde. Das "natürliche Gesetz" gab bisher dem Klerus und ordnungsfixierten Katholiken die Gewissheit, auf der sicheren Seite zu sein. Konservative sehen nun mit Entsetzen, dass sich Franziskus häufiger auf Jesus beruft als auf die Enzykliken seiner Vorgänger. Mit Homophobie allein lässt sich im Vatikan keine Karriere mehr machen. Der Chef verlangt, o Gottogott, von seinem Personal echtes Interesse an Menschen, Feingefühl, einladende Worte.

Im politischen Integrationssprech heißt das, was die Bischöfe in Rom versuchen, Willkommenskultur. Das ist freundlich, aber noch nicht ehrlich. Die Bischöfe hörten in der Synodenaula jemandem zu, der jemanden kennt, der jemanden kennt, der homosexuell ist. So, als sei das ein Thema von draußen. Doch wer etwa Daniel Bühlings Priesterseminar-Buch Das elfte Gebot gelesen hat, sieht, dass es auch ein Binnenthema ist. Als Christ&Welt in der ZEIT im vorigen Jahr eine Doppelseite über homosexuelle Priester veröffentlichte, gab es viele, die darüber sprechen wollten. Einigen hatten sich in einem Doppelleben zwischen der offiziellen Lehre und der heimlichen Beziehung zu einem Mann eingerichtet, mit mehr oder weniger schlechtem Gewissen. Aber niemand traute sich, seinen Namen zu nennen. Denn die Geistlichen wussten: Es dürfte sie eigentlich nicht geben.

Homosexuelle könnten die christliche Gemeinschaft bereichern, heißt es im Dokument. Dieser Reichtum ist längst da.