Plötzlich macht die Türkei doch gemeinsame Sache mit den Kurden im Kampf um Kobani. Die türkische Regierung hilft beim Transport von kurdischen Peschmerga-Kämpfern aus dem Nordirak in die kurdisch-syrische Enklave an der türkischen Grenze, die von IS-Kämpfern belagert wird. Was auf den ersten Blick nach einer Wende aussieht, entpuppt sich als überfälliges, aber pragmatisches Manöver von Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie die türkische Regierung zwischen außenpolitischer Isolation und innenpolitischen Tabus manövriert. Und wie sie unbedingt versucht, vermeintlich gute Kurden von bösen Kurden zu trennen.

Die "guten" Kurden, das sind für die türkische Regierung die Kämpfer der Peschmerga, der autonomen kurdischen Regierung im Nordirak. Mit ihnen hat sich die Türkei seit Jahren arrangiert. Sie sind ein wichtiger Handelspartner und stellen aus türkischer Sicht keine Bedrohung dar.

Die "bösen" Kurden, das sind die Kämpfer der kurdischen Arbeiterpartei PKK. Jener Organisation, die seit über 30 Jahren für eine kurdische Eigenständigkeit auf türkischem Boden kämpft. Sie sind das rote Tuch der türkischen Politik, der Kampf gegen sie ist Staatsräson, die sowohl die Regierungspartei AKP, als auch die Kemalisten von der CHP und die Nationalisten von der MHP teilen. Die angeblich bösen Kurden sind aber auch die Kämpfer der syrischen Gruppierungen YPG und PYD, die in den türkischen Augen nur PKK-Ableger sind.

Genau jene Kämpfer sind es aber, die bisher in Kobani gegen den IS kämpfen. Ihnen wollte und will die türkische Regierung um keinen Preis helfen. Sie treibt sie mit Tränengas an der Grenze zurück, wenn sie versuchen, die umkämpfte Stadt zu erreichen. Und als die USA jetzt Waffen für YPG-Anhänger über Kobani abwarfen, beeilte sich die türkische Regierung zu versichern, nichts damit zu tun zu haben.

Deshalb importiert die Türkei nun "gute" Kurden nach Kobani.

Dass Erdoğan überhaupt zu diesem Schritt bereit ist, dürfte vor allem außenpolitische Gründe haben. In den vergangenen Wochen geriet er international zusehends ins Abseits. Nato-Verbündete, allen voran die USA, schimpften über seine Tatenlosigkeit. Zumindest eine Unterstützung der Peschmerga hatte die US-Regierung Berichten zufolge gefordert. Am Wochenende verlor die Türkei dann auch noch die Abstimmung über einen zeitweisen Sitz im UN-Sicherheitsrat, den sie sicher wähnte. Erdoğans Regierung steht immer isolierter dar.

Nun wirft der türkische Präsident zwar gerne mit Verschwörungstheorien gegen so ziemlich das gesamte (westliche) Ausland um sich. Doch das ist Rhetorik, die nach innen, auf den Zusammenhalt der eigenen Wähler zielt. Nach außen will er seinen Einfluss in der Region wahren, eigentlich sogar noch weiter ausbauen. Erdoğans neuer Premierminister Davutoğlu träumt schon seit mehr als zehn Jahren von einer Ordnungsmacht Türkei. Die Unterstützung der Peschmerga in Kobani ist deshalb auch ein Zugeständnis an die internationale Gemeinschaft.