Bei der Parlamentswahl in Tunesien gibt es eine hohe Wählerbeteiligung. Beobachter aus vielen Wahllokalen in den 27 Distrikten berichten von langen Warteschlangen seit dem frühen Morgen. 5,2 Millionen registrierte Wahlberechtigte sind aufgerufen, über die Verteilung von 217 Mandaten zu entscheiden.

Als Favoriten gelten die moderat islamistische Partei Ennahda und die säkulare Partei Nidaa Tounès, die sich für ein modernes, nicht autoritäres Tunesien stark macht. Die Abgeordneten werden für fünf Jahre gewählt. Die erste freie Wahl in Tunesien nach der Vertreibung des Diktatirs Ben Ali fand 2011 statt.

13.000 Kandidaten aus 90 Parteien haben sich aufstellen lassen. Die Wahllokale öffneten um 7 Uhr und sollen um 18 Uhr schließen. Das Endergebnis wird für Mittwoch erwartet. Die Präsidentenwahl ist für den 23. November geplant. Damit soll der Transformationsprozess in dem nordafrikanischen Land mit rund elf Millionen Einwohnern abgeschlossen sein.

Aus Angst vor Terroranschlägen sind 80.000 Polizisten und Soldaten im Einsatz. Sie sichern die Straßen ab, Sicherheitskräfte in Zivil beobachten die Umgebung. Laut Behördenangaben haben militante Islamisten damit gedroht, die Wahl mit Anschlägen zu stören. Am Freitag hatten Sicherheitskräfte bei einem Gefecht mit Islamisten sechs Menschen getötet.

Tunesien ist die Hoffnung der Demokraten

Von Tunesien war die Arabische Rebellion ausgegangen, die anschließend auf zahlreiche weitere Länder übergriff. Tunesien ist das einzige Land, in dem die Umsturzbewegung zu relativ stabilen demokratischen Verhältnissen führte. An der Spitze des Landes steht seit Anfang 2014 eine Regierung von Technokraten unter Ministerpräsident Mehdi Jomaâ.

Der Tag sei ein Hoffnungsschimmer für die jungen Menschen in der Region, sagte Jomaâ mit Blick auf die instabile Lage in anderen Ländern des Arabischen Frühlings. "Ich habe eine lange Schlange vor dem Wahllokal gesehen, das macht mich glücklich und zeigt, dass den Tunesiern viel an der Demokratie liegt", sagte Ennahda-Chef Rached Ghannouchi nach seiner Stimmabgabe. "Ich habe für Tunesien gestimmt, es lebe Tunesien", sagte der Vorsitzende der Partei Nidaa Tounès, Béji Caïd Essebsi.

Der Ennahda-Partei, die in der verfassunggebenden Nationalversammlung die Mehrheit hält, und der säkularen Partei Nidaa Tounès werden die meisten Sitze prognostiziert. Die tunesische Parteienlandschaft ist aber so zersplittert, dass mit einer schwierigen Koalitionsbildung gerechnet wird.