Die größte säkulare Partei in Tunesien sieht sich als Sieger der Parlamentswahl. "Wir haben positive Hinweise, wonach Nidaa Tounès an der Spitze sein könnte", sagte Parteichef Béji Caïd Essebsi am Sonntagabend. Der Generalsekretär der Partei, Taïeb Baccouche, sprach von einem "respektablen Abstand" zur islamistischen Ennahda-Partei.

Die islamistische Ennahda-Partei, die derzeit die Mehrheit der Sitze hält und als Mitfavorit ins Rennen gegangen war, teilte mit, sie werde sich nicht vorzeitig zu möglichen Resultaten äußern. Die Wahlkommission Isie will vorläufige Ergebnisse erst in den kommenden Tagen bekannt geben.

Die zweite Parlamentswahl seit dem Sturz von Langzeitherrscher Zine el Abidine Ben Ali im Arabischen Frühling 2011 verlief unter massiven Sicherheitsvorkehrungen. Aus Angst vor Terroranschlägen militanter Islamisten waren nach offiziellen Angaben 80.000 Polizisten und Soldaten im Einsatz. Laut europäischen Wahlbeobachtern verlief die Wahl ruhig und geordnet: "Bisher haben wir keine Unregelmäßigkeiten bemerkt." Auch die Wahlkommission berichtete nur vereinzelt von Zwischenfällen. In der östlichen Stadt Nabeul seien einige Fehler auf den Wahlzetteln entdeckt worden.

Trotzdem lag die Wahlbeteiligung bei etwa 60 Prozent und damit höher als bei der vorhergehenden Abstimmung vor drei Jahren. Aus dieser war die Ennahda mit Abstand als stärkste Kraft hervorgegangen. Doch nach der Ermordung zweier Oppositionspolitiker mutmaßlich durch Salafisten und einer monatelangen politischen Krise zogen sich die Islamisten aus der Regierung zurück und machten den Weg für ein Expertenkabinett frei, das bis heute regiert.

Wenn das neue Parlament die Arbeit aufnimmt, kann diese Übergangsregierung von einer gewählten politischen Führung abgelöst werden. Mit der Wahl eines Präsidenten bis zum Jahresende soll der nach der Jasminrevolution eingeleitete Weg in die Demokratie abgeschlossen sein.