Iwan während eines Einsatzes mit dem Donbass-Bataillon © Privat

Iwan: Ich bin Soldat geworden, weil ich nicht will, dass hier bei uns in Berdjansk etwas Ähnliches geschieht wie in Donezk. Du glaubst doch nicht wirklich, dass unsere Polizei uns verteidigen würde? Ein Polizist aus Berdjansk sagte mir vor meinem Entschluss einmal, er freue sich, wenn die Russen kommen. Weil man als russischer Polizist eine höhere Rente bekommt. Er glaubte, er würde einfach weiter seinen Job machen, wenn die Separatisten hier herrschen. Wenn ich meine Heimat beschützen will, muss ich eine Waffe haben und ich muss lernen zu schießen – deshalb bin ich Soldat geworden.

Iwans Handy klingelt, es ist sein jüngerer Bruder. Etwas später betritt er den Raum. Michael ist 23, trägt Jeans und Kapuzenpulli und ist etwas kleiner als Iwan. Seine Haare trägt er etwas länger. Nach der Schule hat er eine Ausbildung zum Hotelfachmann abgeschlossen und diente ein Jahr in der Armee. Seit einigen Wochen geht er nicht mehr zur Arbeit. Seine Mutter lächelt.

Iwan: Da ist ja der Separatist. Er geht nicht zur Arbeit, weil er Angst hat, dass sie ihn einziehen könnten. Dann müsste er auch zur Front.

Ludmilla: Michael ist mir zu sehr Separatist. Der liest zu viele russische Websites im Internet, obwohl er in der Ukraine geboren wurde und hier aufgewachsen ist.

Michael: Ach Bruder, jeder sollte seine Meinung haben. Aber hier erzählen die Leute so viele Lügen, jeden Tag. Und am Ende kreieren sie dadurch Soldaten wie Dich. Wir sind doch alle Slawen. Wir müssen in Frieden leben. Als es die UDSSR noch gab, lebten wir in Frieden. Ich bin Christ und 70 Prozent der Russen sind auch Christen. Gegen die kann man nicht kämpfen.

Iwan: Mama, Michael, ihr begreift es nicht. Der Krieg ist hier, gut 100 Kilometer von diesem Tisch wird gekämpft. Wacht auf, es wird Zeit!

Michael: Das ist doch doof. Niemand wird Berdjansk einnehmen, strategisch ergibt das keinen Sinn. Zuerst müssten sie Saporischschja einnehmen, die Hauptstadt unserer Region. Dort ist aber noch kein Regierungsgebäude in die Luft geflogen.

Putin wird noch lange an der Macht bleiben. In gewisser Hinsicht ist er unser Partner. Gegen einen Partner kann man keinen Krieg führen. Das ist alles ein Fehler der Propaganda. Normale Leute wie Du werden dadurch verrückt.

Iwan: Putin ist der Aggressor. Er will die Ukraine nicht unabhängig sein lassen. Und er will das Gas, was es in der Ukraine gibt.

Am Tag des Gesprächs wird in der Ukraine ein neues Parlament gewählt. Der Präsident Petro Poroschenko hatte sich nach seiner Amtseinführung Ende Mai für die Neuwahl des Parlaments am 26. Oktober 2014 ausgesprochen. Laut Umfragen hatten sich rund 80 Prozent der Ukrainer eine vorgezogene Neuwahl gewünscht. Sie soll die Legitimität des Parlaments in der ukrainischen Bevölkerung erhöhen.

Ludmilla: Ich bin das letzte Mal im Jahr 2004 zur Wahl gegangen, damals habe ich für Janukowitsch und gegen den Kandidaten der Orangenen Revolution gestimmt. Gleich werde ich in der letzten Sekunde entscheiden, wer meine Stimme bekommt.

Iwan: Neulich sagtest Du noch, Du wählst Serhij Tihipko, der lange in Janukowitschs Partei der Regionen Mitglied war, also wieder einen Kommunisten. Ich wähle entweder die Partei des Rechten Sektors oder Selbsthilfe, eine neue Partei, die der Bürgermeister Lwiws gegründet hat.

Ludmilla: Also entweder Faschisten oder Faschisten.

Iwan: Mama, Du redest fast wie Deine Schwester, die nur in die Ukraine kommt, um ihre Rente zu kassieren.

Ludmillas Schwester ist vor ein paar Jahren mit ihrem Mann nach Donezk gezogen. Jetzt steht ihr Haus dort genau zwischen zwei Schützengräben. Als die Separatisten im Mai ein Referendum organisierten, stimmte sie für die Volksrepublik Donezk. Als die ukrainische Armee die Stadt im Juli zurückerobern wollte, floh sie nach Berdjansk. Da sie in Donezk keine Rente oder andere staatliche Unterstützung erhält, besucht sie regelmäßig ihre Schwester. Momentan sind etwa 10.000 Flüchtlinge aus den Regionen Donezk und Luhansk in Berdjansk untergebracht.

Ludmilla: Meine Schwester wurde gebeten, umzuziehen. Die Lage ist dort sehr ernst. Alle erwarten, dass die ukrainische Armee nach der Wahl erneut angreifen wird. Wenn Putin und Poroschenko keinen Deal ausgehandelt hätten, würde es uns jetzt hier genauso gehen. All das habt ihr angerichtet mit eurem Maidan. Wenn ihr das nicht gestartet hättet, gäbe es heute keine Toten.

Iwan: Mama, es gab keinen anderen Weg, das System Janukowitsch loszuwerden. Hätten wir bis zu den nächsten Wahlen gewartet, wären wir wieder verarscht worden.

Michael: Ich werde nicht wählen gehen. Ihr glaubt doch nicht wirklich, dass eure Stimme irgendwas verändert. Die Welt wird von Putin, Obama und Merkel bestimmt. Ihr habt da nichts zu sagen.

Als Iwan im Donbass-Bataillon kämpfte, rief Michael ihn nicht an. Er sagt, sein älterer Bruder solle selbst herausfinden, was richtig und was falsch ist. Aber er sagt auch, falls der Krieg wirklich bis nach Berdjansk kommen sollte, würde er seinen Bruder unterstützen. Er würde dann auf der Seite der ukrainischen Armee kämpfen.

Iwan ist seit seiner Versetzung vom Donbass-Bataillon rund um Berdjansk im Einsatz. Er hat nun einen offiziellen Job im Militär und zählt zur Spezialeinheit Berda. Es ist die Nachfolgeeinheit von Janukowitschs Berkut-Polizisten.

Iwan und seine Mutter verstehen sich seit seiner Rückkehr trotz der unterschiedlichen Meinungen gut. Sie passt oft auf seine Kinder auf, hilft im Haushalt. Nach dem Gespräch gehen sie gemeinsam zur Wahlurne. Trotz allem sei sie stolz auf ihren Sohn, sagt sie.