Natürlich lauern in diesem rasanten Prozess auch Gefahren. Dazu gehören die Oligarchen, die nach wie vor großen Einfluss besitzen. Um den Kraftakt der Revolution zu bestehen, mussten sich die Ukrainer mit diesen Oligarchen verbünden. Keiner symbolisiert diesen Pakt so deutlich wie der Geschäftsmann und Politiker Poroschenko. Die Frage ist, wie er und die anderen Milliardäre im nächsten Schritt agieren: Wird aus der Oligarchen-Herrschaft tatsächlich eine Demokratie?

Die Ergebnisse der Parlamentswahl sprechen zumindest vom tiefen Wunsch der Ukrainer danach. Nie zuvor war das Parlament mit so vielen reformwilligen, proeuropäischen Abgeordneten besetzt. Poroschenkos Partei, die Wahlsiegerin, hat gegenüber den Prognosen wenige Tage vor der Abstimmung allerdings deutlich schlechter abgeschnitten als erwartet. Nicht mehr als 30 Prozent, wie vorhergesagt, sondern nur knapp über 20 Prozent der Wähler wollten, dass der Präsident auch im Parlament das Sagen hat.

Die eigentlichen Wahlgewinner sind zwei Parteien, deren Anführer für einen anderen Politiker-Typus stehen: Der bisherige Übergangs- und wohl auch neue Ministerpräsident Arseni Jazenjuk holte mit seiner Volksfront fast ebenso viele Stimmen wie Poroschenkos Partei, mit der er koalieren will. Jazenjuk gilt seit einigen Jahren als Politiker mit viel Potential, jedoch nicht weil er ein Riesenvermögen, sondern eine Menge Talent hat.

Ein Erfolg der Maidan-Bewegung

Ähnliches gilt für den Kopf der drittstärksten und ebenfalls neuen Partei im Parlament. Samopomytsch ("Selbsthilfe"), wird von Andrij Sadowy, dem Bürgermeister des westukrainischen Lembergs, angeführt. Wobei das Wort Anführer hier wohl am wenigsten passt. Sadowy stellte sich in der Vorwahlzeit eher in den Hintergrund, setzte sich in der Wahlliste nicht auf eine der ersten Positionen und kreierte ein Team aus jungen Frauen und Männern, von denen viele in der Maidan-Bewegung aktiv waren. In Samopomytsch kommt eine Partei ins Parlament, die mehr durch ihre Vision als durch ihren prominenten Chef punktete. Ihr Stimmenanteil ist mehr als doppelt so hoch wie erwartet. Das spricht nicht dafür, dass die Revolution ihre Kinder frisst. Sondern dass die Kinder ihre Revolution in Real-Politik verwandeln wollen.

Für Vertreter der alten Politik blieb da nur wenig Platz. Die Nachfolgepartei von Janukowitschs Partei der Regionen, beim letzten Mal noch stärkste Kraft, schaffte es nur knapp ins Parlament. Nicht mehr vertreten sind dort erstmals die Kommunisten. Und auch die Partei von Julija Timoschenko, der umstrittenen ehemaligen Heldin der Orangenen Revolution, die von Janukowitsch ins Gefängnis geworfen wurde, stürzte ab.

Die rechtsextremen und nationalistischen Listen Rechter Sektor und Swoboda und die Radikale Partei des Politclowns Oleh Ljaschko, blieben gleichfalls ohne Bedeutung. Sie schafften es entweder gar nicht, knapp oder weit unter den vorausgesagten Ergebnissen ins Parlament. Wie schon bei der Abstimmung über den Präsidenten entschied sich die Mehrheit der Ukrainer trotz Ausnahmesituation – fast fünf Millionen Wähler in Donezk, Luhansk und auf der Krim konnte gar nicht wählen – nicht für einen Schwenk nach rechts: Der Anteil nationalistischer Parteien bleibt im Parlament geringer als in vielen anderen europäischen Staaten.

ÄNDERUNGSHINWEIS: In einer früheren Version des Textes war die Erwähnung der Trash-Bucket-Challenge missverständlich. Um die Haltung des Autors dazu deutlich zu machen,  haben wir im Einstieg zwei Sätze ergänzt. (Die Redaktion)