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17.600 russische Soldaten also sollten von der russisch-ukrainischen Grenze abgezogen werden. Das sagte der russische Präsident Wladimir Putin zu – wieder einmal. Und wieder einmal stützen sich darauf alle Hoffnungen und wieder einmal deutet nichts darauf hin, dass diese Zusage eingehalten wird.

Weniger Truppen nahe der Ukraine könnten einen Hauch jener politischen Normalität bedeuten, den es noch vor einem Jahr gab – das ist die politische Hoffnung. Etwas Entspannung, vielleicht ein paar Sanktionen weniger. Aber erstens ist Putins Wortbruch erwartbarer, als dass er sein Wort hält – seit Monaten kommen die Zusagen vom Truppenabzug, dann belegen Satellitenfotos das Gegenteil

Und zweitens ist es seit Ende August nicht mehr entscheidend, ob russische Truppen zu Tausenden nahe der ukrainischen Grenze stehen oder nicht: Sie haben den Kampf um den Donbass schon entschieden, zumindest vorerst.

Wer durch die ukrainische Steppe bis nahe der russischen Grenze fährt, sieht noch immer die Spuren der verheerenden Kämpfe. Das Kriegsdenkmal Sawur Mohyla liegt in Trümmern, eine gigantische Stätte, die an die unfassbaren Verluste der Roten Armee im Kampf gegen die Deutschen 1943 erinnert, bis die Anhöhe von den Nazis zurückerobert wurde. Nun ist der Obelisk umgestürzt, die Reliefs mit den Gesichtern der Rotarmisten zerschossen.

Keine Zweifel an russischen Truppen in der Ukraine

In der Nähe liegen Dutzende ausgebrannte Panzer und Transportwagen der ukrainischen Armee, Straßen sind durchlöchert von Mörsern und Raketen, umliegende Dörfer in großen Teilen zerstört. Habseligkeiten ukrainischer Soldaten finden sich zerstreut am Boden, am Straßenrand liegen Bäume umgeknickt da wie kaputte Streichhölzer, die Anhöhe ist gespickt mit Resten von Munition, die Felder darum herum sollen gespickt sein mit Blindgängern. Weiter westlich, in den Dörfern nahe der Ortschaft Ilowajsk, werden in diesen Tagen ausgebrannte Panzer abtransportiert und die Schäden weggeräumt, auch hier: beklemmende Verheerungen schwerster Kämpfe.

An diesen Orten ist der Krieg in der Ukraine entschieden worden. Es gibt viele Gründe dafür, das Vorgehen der Ukrainer zu kritisieren; ihre Strategie, mit Freiwilligen-Bataillonen zu kämpfen, ihre Taktik, Wohngegenden mit Artillerie zu beschießen. Doch die Ukrainer waren dabei, Land zu gewinnen, die Kämpfer der Donezker Republik zurückzudrängen, und zwar massiv – bis zur letzten Augustwoche. 

Dass Russland zu diesem Zeitpunkt eingriff, dass es seine Truppen in die Ukraine schickte, wird zwar eisern geleugnet, ist aber mithilfe etlicher Indizien eindrücklich belegt worden: Wiederholt wurden russische Soldaten auf ukrainischem Boden festgenommen und Särge mit Toten zurück nach Russland geschickt; die Kämpfer der Donzeker Volksrepublik waren gerade dabei, ihre Territorien Stück für Stück weiter zu verlieren, als es die überraschende Wende in diesem Krieg gab. 

Der russischen Armee sind die Ukrainer nicht gewachsen

Und dann gibt es die Einwohner in den Dörfern um Ilowajsk, die während der monströsen Kämpfe in den Kellern ihrer Häuser ausharrten. Spricht man mit ihnen, lässt man sie erzählen von den Gräueln der Sommermonate, dann räumen sie irgendwann ein, dass es russische Soldaten waren, die sich als "Friedenstruppen" zu erkennen gaben und die Ukrainer beschossen.

Spätestens seit jenen verheerenden Kämpfen um Ilowajsk und Sawur Mohyla muss dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko klar gewesen sein, dass er zwar seinen zweifelhaften Krieg gegen ein paar bewaffnete Rebellen gewinnen kann – aber nicht gegen eine Großmacht mit einer weit überlegenen Armee. Darauf fußt die verabredete Waffenruhe vom 5. September, die wie Krieg klingt und täglich Tote fordert.

Die Ukrainer befürchten, dass russische Truppen an den Grenzen ihr Land bedrohen und eine Invasion bedeuten könnten. Aber das wäre derzeit gar nicht nötig. Dieser Krieg ist bereits entschieden worden – zumindest vorerst.