Vietnams Premierminister hat schon vieles erlebt. Als Halbwüchsiger kämpfte Nguyen Tan Dung mit den Vietcong gegen die Amerikaner. Später machte er Karriere in der Kommunistischen Partei. Heute ist der 64-Jährige ein gern gesehener Gast bei westlichen Politikern und Managern. Sein an diesem Dienstag beginnender Deutschland-Besuch zeigt auch: Wenn es der Wirtschaft nutzt, drückt die Bundesregierung bei Menschenrechtsfragen beide Augen zu.

Wenn Nguyen die Kanzlerin trifft, werden sie über den Ausbau der Beziehungen beider Staaten reden. Bereits vor drei Jahren unterzeichnete Angela Merkel bei einem Besuch im südostasiatischen Land die Hanoier Erklärung. Beide Länder wollen seither ihre "strategische Partnerschaft" in Politik, Kultur und Wirtschaft ausbauen.

Vermutlich sprechen die Regierungschefs auch über die angespannte Situation im Südchinesischen Meer. Dort liefert sich die aufstrebende Weltmacht China mit Vietnam und anderen Anliegerstaaten Scharmützel um zwei strategisch wichtige Inselgruppen.

Einerseits will Deutschland dabei seinen immens wichtigen Handelspartner China nicht vergraulen. Erst vergangene Woche war der Ministerpräsident der Volksrepublik mit einer mehr als hundertköpfigen Delegation und 14 Ministern zu Regierungsgesprächen in Berlin. Andererseits freuen sich nicht nur deutsche Diplomaten über Bestrebungen asiatischer Staaten, dem wachsenden Einfluss des Riesenreichs Grenzen zu setzen. Zu Monatsbeginn verkündete die Obama-Regierung überraschend, sie wolle künftig Waffenexporte an den einstigen Kriegsgegner Vietnam nach jahrzehntelanger Sperre erlauben.

"Nach China das zweitgrößte Gefängnis für Blogger und Netzbürger"

Deshalb wird bei den deutsch-vietnamesischen Gesprächen aller Voraussicht etwas Wichtiges auf der Strecke bleiben: die Menschenrechtslage im 90-Millionen-Einwohnerland. Und damit Schicksale wie das der 29-jährigen Do Thi Minh Hanh.

Vor einigen Jahren gründete die Gewerkschafterin mit anderen das Viet Labor Movement, einen Verbund von Gruppen, die sich in Vietnam für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen. Die Regierung in Hanoi sah darin einen Affront: Im internationalen Vergleich sind die vietnamesischen Löhne extrem niedrig. So niedrig, dass immer mehr internationale Firmen Produktionsstätten aus China nach Vietnam verlagern.

Im Februar 2010 wurde Do mit zwei Kollegen festgenommen. Die damals 25-Jährige wurde zu sieben Jahren Haft verurteilt. Ihre Haft verbüßte sie in fünf verschiedenen Gefängnissen. Auch auf Bitten deutscher Bundestagsabgeordneter wurde sie im Juni nach vier Jahren Haft vorzeitig entlassen. Im September wollte sie nach Wien fliegen. Dort lebt derzeit ihre Mutter, die nach drei Operationen schwer krank ist. Doch Do wurde die Ausreise trotz gültigen Schengen-Visums verwehrt.

Fälle wie der der jungen Gewerkschafterin häufen sich in Vietnam. Im jüngsten Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen rutscht Vietnam weiter nach unten – auf Platz 174 von 180 Ländern. Die NGO urteilt, Vietnam sei "heute nach China das zweitgrößte Gefängnis für Blogger und Netzbürger". Die Menschenrechtler von Human Rights Watch schätzen die Zahl politischer Häftlinge im Land auf bis zu 200. Allein 2013 seien 63 Menschen aus politischen Gründen verurteilt und eingesperrt worden. In Polizeigewahrsam seien zwischen August 2013 und Juli 2014 mindestens 28 Menschen gestorben. Die Dunkelziffer liege weit höher.