Tatsächlich gilt Russland in Belgrad als Schlüsselpartner, spielt wirtschaftlich aber nur eine untergeordnete Rolle. Serbiens starke Abhängigkeit vom russischen Gas macht den Bruderstaat zwar zum größten Importeur. Die Ausfuhren nach Russland machen aber lediglich 7,3 Prozent von Serbiens Export aus. Auch bei den ausländischen Investoren belegt Russland nur den siebten Rang – weit hinter den wichtigsten EU-Partnern und den USA.

Nicht zuletzt die hohe Zahl seiner Arbeitsemigranten in Mitteleuropa lässt den EU-Anwärter sich im Alltag eher Richtung Westen als gen Osten orientieren. Ohnehin kann von einer Bruderschaft gleichwertiger Partner bei dem widersprüchlichen und klar von Moskau dominierten Slawen-Duett kaum die Rede sein. Doch worauf beruht dann die in Serbien so gern mythisch verklärte Liebe zum großen russischen Bruder?

Der emotionale Ost-Hang der derzeitigen Führungsriege in Belgrad ist sicher auch mit deren politischer Sozialisation als beinharte Nationalisten im bleiernen Kriegsjahrzehnt der neunziger Jahre zu erklären: Dem isolierten "Schurkenstaat" stand Moskau damals zumindest moralisch zur Seite. Premier Aleksander Vučić war während des Kosovokriegs Informationsminister und noch bis 2008 Parteigänger des ultranationalistischen Radikalen-Chefs Vojislav Seselj. Der Sozialistenchef und heutige Außenminister Ivica Dačić begann als Sprachrohr des Autokraten Slobodan Milošević seine Karriere. Staatschef Tomislav Nikolić hatte in der Opposition selbst 2007 noch bedauert, dass sein Land "leider" keine russische Provinz sei: Denn die Mehrheit strebe lieber in eine von Russland geführte Allianz als in die EU.

Verheißungen der EU haben ihre Strahlkraft verloren

Wahlen vermochte Russland-Bewunderer Nikolić allerdings erst nach seiner "Häutung" zum Pro-Europäer zu gewinnen. Seit wenigen Tagen hat der einstige Anschluss-Befürworter von seinem Belgrader Amtssitz nun zumindest die wuchtige Bronze-Statue des russischen Zaren Nikolaus II. fest im Blick. Der gemeinsame orthodoxe Glaube, die historischen Bande und die "großen Opfer" der einstigen Waffenbrüder in den Weltkriegen verbänden die beiden Nationen, verkündete der Moskauer Patriarch Kyrill I. bei der Enthüllung des strengen Zaren-Monuments: In Serbien fühle sich "jeder Russe zu Hause".

Mit historischen Banden allein ist Putins Popularität in Serbien kaum zu erklären: In den Jahrzehnten des blockfreien Jugoslawiens galten die Beziehungen zwischen Belgrad und Moskau als eher unterkühlt. Doch zum einen lässt die Tatsache, dass der Balkanstaat nie Teil des Zarenreichs oder Sowjetimperiums war, viele Serben heute wesentlich verklärter als andere slawische Ex-Satelliten in Richtung Moskau blicken. Zum anderen haben Verheißungen der EU in Serbiens endloser Transformation auch mit Blick auf die eher gemischten Erfahrungen der EU-Nachbarn erheblich an Strahlkraft verloren. Erst 15 Jahre ist es her, dass auf den Balkanstaat während des Kosovokriegs die Nato-Bomben prasselten. Vor allem nationalistisch angehauchte Serben lässt auch die innere Distanz zum Westen in Moskau einen natürlichen Verbündeten wittern.

Liebäugeln mit der autoritären Versuchung

Von Budapest über Belgrad bis Banja Luka, Podgorica oder Skopje: Nicht nur die Machthaber im kriselnden Südosten des Kontinents liebäugeln mit der autoritären Versuchung und machen aus ihrer Bewunderung für das "Modell Putin" eines straff geführten Staates kaum einen Hehl. Die in der Dauerkrise zerbröselten Sozialstrukturen nähren auch beim ausgelaugten Wahlvolk die Sehnsucht nach dem starken Mann. "Wir sind einfach stärker, stärker als alle, weil wir im Recht sind", verkündete Putin am Wochenende – und erfuhr in Serbien breite Zustimmung im Internet. Ohne Russland würde in ganz Europa Deutsch gesprochen, verkündet auf der Website des TV-Senders B92 ein begeisterter Leser. "Dieser Mann ist mein spiritueller Vater und geistiger Führer", schwärmt ein anderer.

Die ungeliebte Wodka-Flasche bleibt geschlossen. Dafür schenkt Radivoje im "Bife Putin" zum Abschied noch einmal Rakija ins Glas. Russland habe auf den Knien gelegen, doch Putin habe sein Land wieder auf die Beine gebracht, doziert der umgängliche Wirt. Putin sei ein "großer Mann", sagt der aus dem bosnischen Mostar stammende Kriegsflüchtling – und nimmt mit verdüsterter Miene entschlossen noch einen letzten Schluck: "Falls unsere Regierung beschließen sollte, sich den Sanktionen gegen Russland anzuschließen, wäre das ihre letzte Entscheidung: Sie könnte sich danach keinen Tag länger im Amt behaupten."