Zwei junge Frauen begrüßen sich in einem Bus in Jerusalem und wechseln schnell zum bestimmenden Thema dieser Tage: den Anschlägen. Die eine ist überzeugt: "Wirklich sicher ist man doch nur, wenn man den ganzen Tag zu Hause bleibt – und das kann ich nicht." Die andere fragt, was viele Israelis befürchten: "Geht das jetzt immer so weiter?"

Seit Wochen kommt es in Jerusalem zu Anschlägen. Elf Menschen wurden dabei getötet. Fast täglich liefern sich zudem junge Palästinenser und die israelische Polizei Straßenschlachten. Die israelischen und internationalen Kommentatoren befürchten reflexhaft die Gefahr einer "dritten Intifada" – wie so oft in den vergangenen Jahren. Erstaunlich ist dabei nur, wer aktuell am wenigsten davon spricht: die Palästinenser selbst.

Doch wofür steht Intifada überhaupt? Wörtlich übersetzt bedeutet das arabische Wort "abschütteln" und meint damit die Besatzung Israels. Sonst haben die erste Intifada vor dem Oslo-Abkommen und die zweite Intifada der 2000er Jahre wenig gemeinsam, sodass es schwerfällt, eine Definition zu formulieren. Auch die Unbestimmtheit des Begriffs mag dazu führen, dass das Reizwort bei Kommentatoren so beliebt ist.

"Nennen Sie es, wie sie es wollen", meint der palästinensische Soziologe Jamil Hilal. Auf den Namen komme es nicht an. "Man könnte höchstens von einer lokal stark begrenzten Intifada sprechen, anders als die landesweiten ersten beiden Aufstände."

Gemeinsam ist der ersten und zweiten Intifada etwas, dass sich bei den aktuellen Unruhen und Anschlägen nicht feststellen lässt: eine Massenbasis. Die erste Intifada, die "Intifada der Steine", war von Aufständen mit Hunderttausenden Demonstranten bestimmt. Die Proteste waren gut vorbereitet, es gab Generalstreiks, Boykottbewegungen und Aktionen des zivilen Ungehorsams. Die Demonstrationen der vergangenen Wochen, mit jeweils einigen Hundert Demonstranten in Ostjerusalem, lassen sich damit nicht vergleichen.

Auch die zweite Intifada, die heute vor allem durch Anschläge auf israelische Busse und Restaurants in Erinnerung geblieben ist, war zu Beginn eine massenhafte Erhebung gegen die israelische Besatzung. Erst nach dem Niederschlagen der Proteste begann die Serie tödlicher Selbstmordanschläge.

Wie viele Soziologen sieht Hilal die Gründe für die neuen Proteste vor allem in sozialen Veränderungen in der palästinensischen Gesellschaft und nicht in einer verstärkten Religiosität. Anders als in der Westbank seien die Palästinenser in Ostjerusalem täglich mit Polizei, Militär und Siedlern konfrontiert. Zudem ist die Arbeitslosigkeit deutlich höher und die Infrastruktur heruntergekommen – obwohl Palästinenser in Jerusalem regulär israelische Steuern zahlen müssen. In Ostjerusalem sei weder die Palästinensische Autonomiebehörde präsent noch übten die palästinensischen Parteien einen großen Einfluss aus, sagt Hilal. Deswegen seien die Demonstrationen der vergangenen Wochen auch unorganisierte Aufstände von Jugendlichen.