Es wird langsam kühl in Istanbul. Es regnet viel, mehr als zehn Grad werden es selten. Die Touristen am Taksim-Platz, die sich mit ihren Einkaufstüten in das Fünfsternehotel Marmara drängen, freuen sich auf die beheizte Lobby und ihre warmen Zimmer.

Auf Fatima wartet nichts dergleichen. Die 22-jährige Syrerin sitzt auf dem kalten Boden vor der Drehtür des Hotels. Sie hat Wasserflaschen vor sich gestapelt, die sie für umgerechnet 30 Cent pro Stück verkauft. Die meisten Menschen sehen nicht, wie sie ihrem sechs Monate alten Sohn die Brust gibt. Sie beachten ihre zweijährige Tochter nicht, die auf einer Decke neben ihr schläft. Und sie haben auch kein Ohr für Fatimas drängendste Frage: Wie soll ich nur meine Kinder beschützen?


Die Türkei hat ein Problem, das mit jedem Tag größer wird. Seit Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges im März 2011 hat das Land nach eigenen Angaben mehr als 1,6 Millionen Syrern Zuflucht gewährt, die Vereinten Nationen nennen eine Zahl knapp über einer Million. Alleine seit der Belagerung Kobanis habe das Land 200.000 Menschen aufgenommen – ebenso viele wie die gesamte Europäische Union seit Beginn des Bürgerkriegs.

Nun eskalieren die Kämpfe um die nordsyrische Stadt Aleppo. Die Türkei befürchtet eine neue Flüchtlingswelle von bis zu drei Millionen Menschen. Dabei ist das Land schon jetzt mit den Flüchtlingen überfordert. Bald kommt der Winter, und nur eine Minderheit der Hilfesuchenden wird ihn in den 21 Camps erleben, die die Regierung landesweit errichten ließ. Manche leben bei Verwandten oder mieten Wohnungen zu ruinösen Preisen. Viele andere aber hausen in Ruinen oder auf der Straße, dem Zuhause der Ärmsten. Wie Fatima.

Bettelnde Flüchtlinge, eine Normalität

Ihren Mann habe sie bei der Flucht aus dem nordsyrischen Kobani verloren, sagt sie. Dann habe sie sich bis nach Istanbul durchgeschlagen, wo sie jetzt mit ihren zwei Kindern am Taksim-Platz lebt.

Sie ist nicht die Einzige. Auf der Istanbuler Einkaufsmeile İstiklal Caddesi, die vom Taksim-Platz abgeht, sind bettelnde syrische Flüchtlinge mittlerweile ein vollkommen normaler Anblick. Sie sitzen inmitten der Menschenmassen auf dem Boden, manche haben ihren syrischen Pass vor sich hingelegt. Zu ihrer traurigen Normalität gehört auch, dass sich unter die Notleidenden Menschen geschlichen haben, die gefälschte syrische Pässe herzeigen.

Syrer erhalten in der Türkei einen Status, von dem Flüchtlinge aus Afrika nur träumen können. Sie gelten zwar nicht offiziell als Flüchtlinge, die Regierung bezeichnet sie als "Gäste". Aber sie dürfen kostenlos das staatliche Gesundheitssystem nutzen. Wer sich registrieren lässt, soll demnächst gar eine Arbeitsgenehmigung erhalten. Das ist allerdings auch dringend geboten. Denn noch schlagen sich die meisten Flüchtlinge mit Schwarzarbeit durch.