An manchen Orten ist die Arbeitslosigkeit deshalb sprunghaft angestiegen. Die Syrer arbeiten für ein Drittel des regulären Gehalts und ohne Sozialversicherung. In der Provinz Şanlıurfa nahe der nordsyrischen Grenzstadt Kobani leben neben den 1,5 Millionen Einheimischen noch weitere 155.000 syrische Flüchtlinge. Hier ist die Arbeitslosenquote in den letzten zwei Jahren von 6,2 Prozent auf 16,4 Prozent gestiegen. Inzwischen glauben nach einer Umfrage der Hacettepe-Universität in Ankara 56 Prozent der Türken, die Syrer würden ihnen die Arbeit wegnehmen.
Die Türkei kann den Flüchtlingen kein landesweites Versorgungsnetz bieten, die Menschen müssen sich selbst um Essen, Trinkwasser und ein Dach über dem Kopf kümmern. Das erhöht auch den Druck auf die Kleinsten, zu arbeiten. Wer durch Istanbul läuft, sieht überall Flüchtlingskinder, die als fliegende Händler Essen, Blumen oder Spielzeug verkaufen oder als Schuhputzer vor Erwachsenen knien. Nach Angaben des UN-Flüchtlingswerks besuchen 73 Prozent der Flüchtlingskinder keine Schule.
Zu Besuch bei Familie Shaban, die im Stadtteil Kartal wohnt. Vor zwei Jahren kam die Familie aus Aleppo. Seitdem sei ihre Miete von umgerechnet monatlich 200 auf 300 Euro erhöht worden. Die Räume sind spärlich und mit kaputten Möbeln möbliert, es gibt keine Heizung und keinen Ofen, es fehlt an Decken und warmer Kleidung.
"Ich kann nicht wählerisch sein"
Vater Fadi muss die Familie mit den zwei Söhnen mit Gelegenheitsjobs durchbringen, für meistens zehn Euro pro Tag. Er ist Englischlehrer, doch er arbeitet auf dem Bau, als Putzmann oder Müllsammler. "Ich kann nicht wählerisch sein", sagt der 29-Jährige, "ich muss die Arbeit annehmen, die man mir anbietet". Es gebe Tage, da habe die Familie nichts zu essen.
Längst sind die Flüchtlinge zu einer innenpolitischen Frage geworden. Die türkische Regierung habe verstanden, sagte Vizepremier Numan Kurtulmuş Anfang November, dass die Syrer in absehbarer Zeit nicht mehr nach Syrien zurückkehren können. "Sie werden dauerhaft bleiben, und deshalb geht es jetzt darum, ihre Probleme dauerhaft zu lösen."
Die Türkei fordert – wie auch der Libanon und Jordanien – immer wieder mehr Unterstützung zur Bewältigung der Flüchtlingskrise durch die internationale Gemeinschaft. Von der kommt viel Lob und nicht viel mehr. "Diese Last wird mit Worten, aber nicht durch Taten gewürdigt", klagte Außenminister Çavuşoğlu in einem Gastbeitrag im britischen Guardian, "die Türkei kann nicht weiterhin so handeln, als wäre sie die Vereinten Nationen".
Kürzlich stellte die Menschenrechtsorganisation Amnesty International einen Bericht zur Situation der syrischen Flüchtlinge vor. Die Türkei, heißt es darin, habe den Hauptteil der Flüchtlinge und der finanziellen Belastung aufgenommen. Doch viele würden an der türkischen Grenze mittlerweile abgewiesen und in den Krieg zurückgeschickt.