Ein Mittagessen im kleinsten Kreis, Ende Juni in einem Pariser Restaurant. Es steht jetzt im Mittelpunkt einer gewaltigen Affäre. Die beiden Protagonisten: François Fillon, Frankreichs früherer Premierminister und Mitglied der konservativen Partei UMP – jetzt in der Opposition – und der Generalsekretär des Elysée-Palasts, Jean-Pierre Jouyet, ein enger Vertrauter des sozialistischen Präsidenten François Hollande. Während dieses Essens soll Fillon dazu gedrängt haben, die juristischen Ermittlungen gegen seinen Parteikollegen und Frankreichs früheren Präsidenten Nikolas Sarkozy schnell voranzutreiben.

Was genau wurde bei dem Mittagessen im eleganten achten Pariser Bezirk unweit des Elysée-Palasts besprochen? Wer hat was gesagt, wer lügt und wer sagt die Wahrheit? Seit einigen Tagen halten diese Fragen Frankreich in Atem. Auslöser ist ein Buch von zwei Investigativ-Journalisten der Tageszeitung Le Monde. Darin heißt es, Fillon habe den Vertrauten von Präsident Hollande dazu aufgefordert, Druck auf die Justiz auszuüben, um die Ermittlungen gegen Ex-Staatschef Sarkozy in zwei Finanzaffären zu beschleunigen.

"Schlagt schnell zu! Schlagt schnell zu!", wird Fillon in dem Buch zitiert. "Wenn Ihr nicht schnell zuschlagt, dann lasst Ihr ihn zurückkommen." Zu dem Zeitpunkt hatte der 2012 abgewählte Sarkozy noch nicht sein politisches Comeback gegeben. Inzwischen aber ist der in zahlreiche Skandale verstrickte Ex-Staatschef in die Politik zurückgekehrt. Er schickt sich an, 2017 den Elysée-Palast zurückzuerobern.

Auch Fillon, unter Sarkozy fünf Jahre lang Premier, hat Ambitionen auf das höchste Amt im Staat. Die Parteifreunde liefern sich hinter den Kulissen einen erbitterten Kampf – doch drängte Fillon wirklich die sozialistische Staatsspitze dazu, die Justiz gegen Sarkozy scharf zu machen? Wandte er sich an den politischen Gegner, um den innerparteilichen Konkurrenten auszuschalten?

Präsident darf sich nicht in Fragen der Justiz einmischen

Fillon bestreitet all dies, kündigte Verleumdungsklagen gegen die Journalisten an. Sein Ansehen ist aber schwer beschädigt durch die Affäre, von französischen Medien in Anlehnung an den Watergate-Skandal schon als "Fillongate" bezeichnet.

"Fillongate" wird aber zunehmend zu einem "Jouyetgate". Denn der Generalsekretär des Elysée-Palasts stellte sich zunächst hinter Fillon, unter dem er 2007 und 2008 trotz seiner Nähe zu Hollande Europa-Staatsekretär war. Er erklärte, es sei bei dem fraglichen Mittagessen nicht um zwei Affären im Zusammenhang mit Sarkozys Wahlkampffinanzen 2012 und der UMP gegangen.

Am Sonntag vollzog er die Kehrtwende: Tatsächlich sei über die Affären gesprochen worden, erklärte Jouyet. Er habe aber deutlich gemacht, dass die Präsidentschaft sich nie in die Angelegenheiten der Justiz einmischen würde.

Brisant ist auch, dass Jouyet mit den Autoren des Enthüllungsbuches gesprochen hat – und die druckten in Le Monde Auszüge der aufgenommenen Unterhaltung ab. Demnach zitierte Jouyet den Ex-Premier mit den besonders belastenden Worten "Schlagt schnell zu". Fillon bezichtigte Jouyet deswegen der "Lüge" – und drohte ihm ebenfalls juristische Schritte an.

Die konservative Opposition fordert bereits einen Rücktritt Jouyets. Sogar aus Hollandes Umfeld ist zu hören, dass die Affäre den 60-Jährigen schwer geschwächt hat. Sollte der Generalsekretär der Präsidentschaft gehen müssen, wäre das eine bittere Pille für den ohnehin schon sehr unpopulären Hollande, der den einstigen Studienfreund erst im April in die Spitzenposition im Elysée-Palast befördert hatte.

Großer Profiteur der Affäre ist der rechtsextreme Front National (FN) von Marine Le Pen, denn die Glaubwürdigkeit der Sozialisten und der Konservativen nimmt weiteren Schaden. Die Affäre sei "Gift" für die Linke wie für die Rechte, sagt Frédéric Dabi vom Meinungsforschungsinstitut Ifop. "Und wir wissen, wer davon profitiert."