Und wieder eine Verlängerung. Besser als Spielabbruch, könnte man argumentieren. Die an den Iran-Verhandlungen beteiligten Außenminister sprechen denn auch von "Fortschritt" und "neuen Ideen". Aber die in Wien nicht geklärten Fragen wiegen schwer.

Deshalb ist Skepsis geboten, ob in der nun vereinbarten zweiten Fortsetzung eine Einigung über das iranische Atomprogramm erzielt werden kann. Aber versucht werden muss es.  

Ein Scheitern der Gespräche könnte der Beginn eines nuklearen Rüstungswettlaufs im Mittleren Osten sein. Die erstaunliche diplomatische Einheitsfront der fünf UN-Vetomächte plus Deutschland würde zerbrechen, in der die Länder des Westens mit Russland und China bisher konstruktiv zusammenarbeiten. Zudem würden die Chancen für ein gemeinsames Handeln des Westens mit dem Iran in Syrien und im Irak schwinden.

Das sind die übergeordneten sicherheitspolitischen Interessen, die auf dem Spiel stehen. Im Kern geht es bei den Verhandlungen nach wie vor um die Frage: Wie kann man den Iran am Bau nuklearer Waffen hindern, ohne ihm das Recht auf eine zivile Nutzung der Atomenergie zu nehmen?

Und da wird es schwierig. Wie viel Uran darf der Iran anreichern? Wie viele Gaszentrifugen darf er besitzen? Wie lange muss sich das Land Kontrollen seiner Atomanlagen unterwerfen? Wie schnell und in welchen Schritten sollen im Gegenzug die über den Iran verhängten Sanktionen aufgehoben werden?

Weil die Details so kompliziert sind, soll nun zunächst bis zum März 2015 eine politische Rahmenvereinbarung ausgehandelt werden; eine abschließende Regelung soll bis zum 1. Juli 2015 stehen.

Wie stehen die Chancen dafür, dass beides gelingt? Das politische Umfeld wird schwieriger. Von Ende Januar an hat es US-Präsident Barack Obama mit einer republikanischen Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses zu tun. Führende Republikaner aber akzeptieren überhaupt keine iranischen Gaszentrifugen und wollen den Druck auf den Iran durch zusätzliche Sanktionen verschärfen.

Eine ähnliche Position vertritt Hillary Clinton, die demnächst ihre Bewerbung um die demokratische Präsidentschaftskandidatur erklären dürfte. Im Gegensatz zu Obama ist sie der Ansicht, ein Abkommen müsse die Demontage sämtlicher knapp 20.000 iranischer Zentrifugen vorsehen.

Das fordert auch Israels Premierminister Benjamin Netanjahu. "Keine Einigung wäre besser als eine schlechte", lautete sein Kommentar zu den Verhandlungen in Wien. Für Netanjahu kann es nur eine Null-Lösung geben. Deshalb kann er keinen Sinn darin erkennen, lediglich die Zeit für einen breakout (Durchbruch) zu verlängern – also jene Zeit, die der Iran brauchen würde, um mit dem vorhandenen spaltbaren Material eine Bombe zu bauen. Derzeit liegt dieser Zeitraum Schätzungen zufolge bei zwei Monaten; daraus soll möglichst ein Jahr werden – und die Kontrollen sollen so verfeinert werden, dass der Versuch eines Durchbruchs rechtzeitig erkannt werden könnte.

Es bliebe aber auch dann die Gefahr eines sneakout – des unentdeckten Baus einer Bombe mit spaltbarem Material aus versteckten iranischen Nuklearanlagen. Ein solches Herausschleichen aus vertraglichen Verpflichtungen traut nicht nur Israel dem Regime in Teheran zu.

Ein Abkommen muss also, was die Kontrollen angeht, möglichst wasserfest sein. Nur verträgt sich eine Totalüberwachung schlecht mit dem Nationalstolz der Iraner, die auf ihre Rechte nach dem Atomwaffensperrvertrag pochen. Am Ende ist es eine Sache des Vertrauens. Und das fehlt auf beiden Seiten.

Was die westlichen Gegner eines jeden Kompromisses bedenken müssen: Auch der iranische Präsident Hassan Ruhani hat es daheim mit Hardlinern zu tun, in den Reihen der Kleriker genauso wie unter den Kommandeuren der Revolutionsgarden. Vor allem aber muss er die Skepsis des obersten geistlichen Führers Ajatollah Ali Chamenei überwinden. Der hat sich allerdings mit dem Wort hinter den Präsidenten gestellt, in Verhandlungen mit dem Feind sei manchmal "heroische Flexibilität" nötig.

Es gibt Stimmen in Teheran, die sagen, Ruhani müsse bald Erleichterungen bei den Sanktionen erreichen, sonst gerate sein ganzes Reformprogramm in Gefahr; sonst verliere er den Rückhalt bei jenen moderaten Kräften, die ihn politisch unterstützten. Mit anderen Worten: Dann würde er zur lahmen Ente.

Noch eine lahme Ente? Haben wir nicht schon eine im Weißen Haus? Woher soll da die Kraft für erfolgreiche Verhandlungen kommen?

Für Ruhani geht es um die Modernisierung Irans. Für Obama um sein außenpolitisches Vermächtnis. Für den Mittleren Osten schlicht um die Verhinderung eines atomaren Wettrüstens.

Es steht also viel auf dem Spiel. "Heroische Flexibilität" wird gebraucht – auf allen Seiten.