Michael Thumann ist Außenpolitischer Korrespondent der ZEIT. © Nicole Sturz

Am kommenden Montag könnte ein historischer Konflikt beigelegt werden. Es geht weder um Islamisten noch um Russlands Präsidenten Putin, sondern um den Iran und sein Atomprogramm. In den Krisen und Kriegen der letzten Jahre war der Streit um Teherans nukleare Ambitionen so etwas wie ein beunruhigender Misston, ständig störend, aber nie im Vordergrund. Dabei hat die Auseinandersetzung reichlich Stoff für einen großen Krieg: Iran und Saudi-Arabien als Hauptrivalen, dazu Israel samt seiner Atombombe und das vitale Interesse nuklearer Großmächte wie USA und Russland. Dazu ist es zum Glück bisher nicht gekommen.

Und nun besteht am Montag sogar die berechtigte Aussicht, diesen Konflikt einzufrieren oder zu entschärfen. Es geht um die Frage, ob der Iran der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien volle Einsicht und damit Kontrolle über sein ziviles Nuklearprogramm gewährt. Deshalb reisen die Außenminister der fünf ständigen Mitglieder im Sicherheitsrat und Deutschlands am Wochenende nach Wien, um den Vertrag mit den iranischen Unterhändlern zur Unterschrift zu bringen.

Die Außenminister sind optimistisch, diesmal jene Einigung zu erreichen, die ein ganzes Jahrzehnt lang nicht gelingen wollte. Klappt der Deal, könnte das die Region erheblich verändern.

Geopolitik, Marktbewegungen und Wahlkalender haben für diesen Montag eine günstige Konstellation ergeben. Die Vereinigten Staaten haben gerade gewählt, und es bleiben zwei Jahre bis zur nächsten Abstimmung. Präsident Obama steht nicht zur Wiederwahl, kann also nicht mehr verlieren. Iran wählt frühestens im kommenden Jahr sein Parlament, Präsident Rohani kann sich bis dahin  einen vorübergehenden Abfall in der Wählergunst als Folge eines Kompromisses leisten.

Die Sanktionen haben ihre Wirkung gezeigt; Iran versucht, sie abzuwerfen. Hinzu kommt der schnell fallende Ölpreis, der Irans Budget ruiniert und den Wunsch verstärkt, das Sanktionsregime zu überwinden. Präsident Rohani ist angetreten mit dem Versprechen, das Leben der Iraner zu verbessern. Will er es einlösen, muss er den Nuklearkonflikt beenden.

Der große Unbekannte ist der geistliche Führer und letzte Entscheider Chamenei. Will er einen Kompromiss? Davon wird alles abhängen. Wenn er ja sagt, dreht sich die Welt.

Ein wichtiger Teil des amerikanisch-iranischen Konflikts könnte entschärft werden. Dadurch würde es zur Zusammenarbeit an mehreren anderen Kriegsschauplätzen kommen. Die USA und Iran teilen die Gegnerschaft zum radikalsunnitischen "Islamischen Staat". Auch in Afghanistan würden Iran und die USA ihre einst existierende Interessengemeinschaft gegen die Taliban neu beleben können.

Im Gefolge dürften sich auch die EU und Iran wieder annähern. Bei einer Erleichterung der Sanktionen ist mit einer schlagartigen Intensivierung des europäisch-iranischen Handels zu rechnen. Vor allem französische Konzerne stehen in Teheran bereits auf der Türschwelle.

Doch der von einigen amerikanischen und europäischen Publizisten herbeigesehnte Grand Bargain – die große Übereinkunft zur Regelung der Nahostkonflikte – dürfte ausbleiben. Dafür gibt es neben der Nuklearfrage zu viel an Zoffpotenzial zwischen Washington und Teheran. Syriens Giftgasherrscher Baschar al-Assad ist Irans enger Verbündeter und eine Hassfigur in Washington. Iran unterstützt die islamistischen Milizparteien Hamas und vor allem die schiitische Hisbollah gegen Israel.

Manche im Westen meinen, Washington sollte am Golf Iran näher stehen als Saudi-Arabien. Eine irreale Annahme. Washington wird seine strategische Allianz mit Riad nicht opfern – ein festes Bündnis seit dem legendären Handschlag von Roosevelt und Abdulasis al-Saud 1945 am Sueskanal, älter als die deutsch-amerikanische Freundschaft.

Was sich ändern kann durch ein Nuklearabkommen am Montag, sind nicht klassische Bündnisse. Es ist eine mögliche Entideologisierung des Verhältnisses zwischen den USA und Iran, Pragmatismus, regionale Zusammenarbeit hier und da. Weniger Emotion, weniger Hass, weniger Dogmatik zwischen Washington und Teheran. Das wäre schon viel.