Die Rufe der arabischen Frauen sind schrill,  sie reichen bis zur langen Holzbrücke, die nicht-muslimische Besucher auf den Tempelberg und zur Al-Aqsa-Moschee führt. "Allahu Akbar", Gott ist groß, kreischen die Frauen im Kanon, als drei orthodoxe jüdische Jugendliche mit schwarzen Kippas und langen Locken den drittheiligsten Ort für Muslime betreten, vorne und hinten von israelischen Polizisten bewacht. Sekunden später schallt der Gebetsruf von allen Ecken des riesigen Platzes, das Echo fängt sich in den umliegenden Gebäuden.

Es ist eine religiös-politische Antwort auf eine religiöse wie politische Provokation. Offiziell dürfen Juden auf dem Tempelberg genauso wenig beten wie Christen oder andere Religionsangehörige, dies ist Muslimen vorbehalten. Oberrabbiner geben sogar die klare Anweisung, dass Juden den Tempelberg nicht betreten sollen. Radikale jüdische Eiferer scheren sich jedoch nicht darum. Für sie ist das Areal über der Klagemauer der Ort, an dem der letzte jüdische Tempel stand. Deshalb beanspruchen sie für sich wie selbstverständlich das Recht, dort hinzugehen und zu beten, auch wenn die Situation in der Stadt und im ganzen Land ohnehin äußerst angespannt ist, nachdem der Friedensprozess faktisch gescheitert ist.

So laufen auch jetzt bei diesem Zwischenfall am Sonntag die jüdischen Jugendlichen barfuß in großen Runden über den riesigen Platz, während die muslimischen Frauen rufen und kreischen und die muslimischen Männer ihre Gebete und Gespräche unterbrechen.

Zusammenstöße mit der Polizei

Schon seit Monaten ist der Tempelberg wieder Schauplatz von Konfrontationen zwischen Israelis und Palästinensern. Die grüne Eingangstür zur Al-Aqsa-Moschee zeugt davon. Sie ist seit einem Zusammenstoß zwischen radikalen Muslimen und der israelischen Polizei in der vergangenen Woche ramponiert, das Innere durch Feuerwerkskörper und Steine beschädigt worden.

"Die Situation spitzt sich zu, allein in der vergangenen Woche gab es mehrere heftige Zusammenstöße", bestätigt Micky Rosenfeld, Sprecher der Jerusalemer Polizei. Als Folge wurde der Zugang zum Tempelberg tageweise für gläubige Muslime unter 50 Jahren gesperrt, um jüngere Krawallmacher fernzuhalten. Trotz strenger Kontrollen an allen acht Eingängen wurden Feuerwerksraketen, Brandsätze und Steine auf Touristen und betende Juden an der darunter liegenden Klagemauer geworfen.

Aber nicht nur auf dem Tempelberg ist die Lage angespannt. In den schmalen Gassen der Jerusalemer Altstadt liefern sich palästinensische Jugendliche fast täglich Scharmützel mit jüdischen Jugendlichen und der Polizei. Helikopter kreisen in der Luft, Ballone mit Überwachungskameras beobachten die Ausschreitungen.

Die Polizeipräsenz ist immens. Zur Verstärkung wurden 1.200 zusätzliche Polizisten in die Stadt gebracht. Mehr als 4.000 sind dort jetzt im Einsatz – von  29.000, die es in ganz Israel gibt.