Auch die demographische Entwicklung der israelischen Bevölkerung gibt den Rechten Auftrieb: Der Anteil der Ultraorthodoxen wächst. Russische Einwanderer machen mittlerweile einen großen Teil der Bevölkerung aus und wählen hauptsächlich die ultrarechte Partei des Außenministers Avigdor Liebermann, Jisra’el Beitenu ("Unser Haus Israel"). Am stärksten wuchs in den letzten Jahren jedoch die national-religiöse Partei von Naftali Bennett, der kürzlich in einem Gastbeitrag für die New York Times beschrieb, dass die Zwei-Staaten-Lösung für Israel keine Lösung sei.

Wer in Israel eine rechte Partei wählen will, hat also eine erhebliche Auswahl. Gleichzeitig schwindet der Einfluss der israelischen Linken. Während des Gaza-Krieges wurden linke Protestler zum Teil verfolgt und verprügelt. Viele regierungskritische, junge Israelis haben das Land verlassen und sind nach Europa ausgewandert – Berlin ist seit Jahren ihr Sehnsuchtsort.

Die Anschläge verstärken die "supernationale Stimmung"

Auch die linksliberale Haaretz spürt den Rechtsruck in Israel. Seit dem Gaza-Krieg laufen ihr die Abonnenten davon. Einige, die geblieben sind, fordern, den etablierten linken Kolumnisten Gideon Levy abzusetzen. Im September kam es auf einer Abendveranstaltung zum Eklat zwischen Lesern und dem Chefredakteur.

Benyamin Neuberger spricht von einer "supernationalen Stimmung" in Israel, die seit dem Gaza-Krieg und nun zusätzlich durch die Anschläge in Jerusalem verstärkt werde. Die Hoffnung auf Frieden haben viele Israelis ohnehin aufgegeben: Auch die gescheiterten Friedensverhandlungen und die unsichere Situation im gesamten Nahen Osten habe zum Rechtsruck in Israel beigetragen, so Neuberger.

Ob sich die israelische Regierung mit dem Nationalstaatsgesetz noch weiter nach rechts bewegen will, liegt nun in der Hand von Benjamin Netanjahu: Er kann eine abgemilderte Form des Gesetzes mit seiner Koalition durchsetzen, die sowohl den Ultrarechten als auch den Liberalen genügt. Oder er lässt die Koalition platzen. Von Neuwahlen hat er nicht wirklich etwas zu befürchten.

Um die Situation im Land zu erklären, erzählt der Politikwissenschaftler Neuberger gern einen Witz, der nur auf englisch funktioniert: Als vor Jahren der damalige britische Außenminister nach Israel kam und sich bei Netanjahu über den Stillstand im Friedensprozess und den Ausbau der Siedlung beschwerte, soll ein Mitarbeiter dem Außenminister einen Zettel zugesteckt haben: "Maybe the Right is not right – but there is nothing left from the Left."