Auf dem Weg zum Tatort wird der Taxifahrer immer lauter: "Es passiert jetzt jede Woche!", ruft er und nimmt die Hände vom Lenkrad, auf den Verkehr achtet er längst nicht mehr: "Diese verdammte Religion."

Vor der Synagoge im Stadtteil Har Nof ist das Flatterband der Polizei heruntergerissen, es hat der Aufregung der Anwohner nicht standgehalten. Nur den Eingang des Bethauses aus Sandstein versperrten die Beamten, auf der Straße davor drängen sich die Menschen. Blutflecken auf der Straße zeigen die qualvolle Flucht eines Verletzten, achtlos laufen Anwohner und Journalisten über sie hinweg. Dann beginnen Gläubige und Polizisten, das Blut mit Wasser aus Plastikflaschen zu entfernen.

Am frühen Morgen waren zwei palästinensische Terroristen in der Synagoge auf die Gläubigen losgegangen, bewaffnet mit einem Revolver, großen Messern und einer Axt. Vier Israelis starben. Nach Angaben der Polizei hatten sie neben der israelischen auch eine zweite ausländische Staatsbürgerschaft: Drei waren auch US-Bürger, einer hatte auch einen britischen Pass.

Acht weitere Personen wurden verletzt, vier von ihnen schwer. In einem Schusswechsel mit der herbeigerufenen Polizei starben auch die Angreifer. Laut der israelischen Zeitung Haaretz riefen nach der Tat einige rechte Protestler vor der Synagoge "Tod den Arabern" und forderten Rache.

Wenige Stunden später ist davon nichts mehr zu hören, die Stimmung  ist angespannt, aber ruhig. Der Stadtteil Har Nof ist ein religiöses Viertel. Orthodoxe Juden stehen rund um die Synagoge, sie tragen schwarze Anzüge und Hüte, als sei dies bereits die Trauerfeier für die Getöteten. 

Mit einem Stuhl bewaffnet

Ein Mann steht im Mittelpunkt des Gedränges: Josef Posternak war in der Synagoge, als die Gewalttäter eindrangen. Er ist 45 Jahre alt, seine Kippa liegt auf einer Halbglatze. Nervös spielt der Vater von acht Kindern an den Gebetsbändern, die aus seiner Hose hängen. 

Es passierte während des geflüsterten Gebets, bei dem die etwa 25 Gläubigen stehen, vollkommen überraschend, sagt Posternak. "Am Eingang begann einer der Männer zu schießen, auf alle, die in der Nähe standen." Ein anderer Mann hatte ein großes Schlachtermesser dabei, wie Posternak schildert. Er konnte noch sehen, wie ein Gläubiger mit einem Stuhl bewaffnet auf die Attentäter losging. "Ich habe ihn nicht mehr gesehen. Ich hoffe, er hat überlebt." Posternak konnte sich unter einem Tisch verstecken und kurz darauf fliehen.

Auch Jakov Amos war in der Synagoge. Er beschreibt, dass er am Eingang saß, als die Terroristen das Gebäude betraten und, "Allahu Akbar" rufend, das Feuer eröffneten. "Es ging um Sekunden", sagt er. Er sei dann in den inneren Teil der Synagoge gerannt, um die anderen zu warnen: "Sie schießen auf uns!"

Straßenschlacht mit Geheimdienstlern

Seit Wochen gibt es Unruhen und Terrorangriffe in Jerusalem, ausgelöst durch einen Streit um die religiöse Nutzung des Tempelbergs, der Muslimen wie Juden gleichermaßen heilig ist. Bisher waren die Attacken meist Messerangriffe und Anschläge mit dem Auto. Bisher starben sechs Israelis.

Der Anschlag auf die Synagoge unterscheidet sich davon erheblich: Mehrere Attentäter, die zudem geplant einen religiösen Ort attackieren – das ist neu. In Jerusalem gab es am Mittag bereits erste Reaktionen: Nachdem der Geheimdienst Shin Bet die Häuser der palästinensischen Attentäter in Ostjerusalem aufsuchte, begannen palästinensische Jugendliche eine Straßenschlacht.

Auch Meir Indor ist auf der Straße vor der Synagoge. Er redet wütend auf die Umstehenden ein. Indor ist Vorsitzender von Almagor, einer Organisation, die Familien von Terroropfern unterstützt: "Die Regierung tut nichts!", regt sich Indor auf. Er fordert eine harte Reaktion von Premier Benjamin Netanjahu. Er müsse den Ausnahmezustand ausrufen, mit den geltenden Gesetzen käme man gegen Terroristen nicht weiter. Und Indor hat noch einen anderen Vorschlag, um die Familien der Attentäter zu bestrafen: "Wir dürfen denen ihre Leichen nicht zurückgeben."

Beerdigung vor Sonnenuntergang

Netanjahu hat Indor offenbar gehört: Er weiß, welche Reaktion jetzt von ihm erwartet wird. Er rief das Sicherheitskabinett zusammen und kündigte eine Reaktion mit großer Härte an. Netanjahu macht Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Hamas gleichermaßen für den Anschlag verantwortlich. Auch auf palästinensischer Seite erfolgten die Reaktionen schnell und folgten dem üblichen Muster: Die Hamas sprach von einer "heroischen Tat" gegen die Besatzung. Abbas dagegen verurteilte den Anschlag auf Gläubige in ihrem Gebetshaus.

Es ist nicht der Moment für eine ausgewogene politische Analyse in einer Zeit, in der Israel Woche für Woche von Anschlägen erschüttert wird. Hilfreich ist der gesprächige Taxifahrer vom Anfang: Er befürchtet, dass aus dem politischen Konflikt im Nahen Osten ein religiöser Streit wird – angefeuert durch den Islamismus in Irak und Syrien. Es ist eine Befürchtung, die der Taxifahrer mit Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier teilt. Erst am Wochenende hatte er bei seinem Besuch in Jerusalem gewarnt, der Streit um den Tempelberg lade den Konflikt im Nahen Osten religiös auf.

Um die Mittagszeit beginnt sich die Straße vor der Synagoge etwas zu leeren. Jetzt übersteigt die Zahl der Journalisten beinahe die Zahl der Anwohner und Helfer, wie so häufig im Nahen Osten. Ein Mann hat sich die religiösen Lederriemen um den Arm gebunden und beginnt mit Trauergesängen. Sofort wird er von Kameras umringt.

Viele Anwohner haben genug gesehen und bereiten sich jetzt auf die Beerdigung der Opfer vor. Brauch orthodoxer Juden ist, die Toten noch vor Sonnenuntergang zu beerdigen. Es wird wohl nicht die letzte plötzliche Trauerfeier in Jerusalem sein.