Şamu sitzt im Regen und zeichnet mit dem Zeigefinger einen Kreis auf einen nassen Bucheinband. "Hier, der kleine Kreis in der Mitte", sagt er, "da wohnten wir". Er zieht einen größeren Kreis außen herum. "Und hier lebten die arabischen Familien." So war das in Sindschar, wo Şamu herkommt. Dann kamen die IS-Terroristen und bildeten einen dritten, größeren Kreis um den Ort. Die arabische Bevölkerung, erzählt Şamu, habe den Milizen gesagt, in welchen Häusern und Bezirken die Jesiden lebten. So konnten die Terroristen gezielt töten. Vielleicht wollten sich die arabischen Muslime nur selbst schützen und verrieten die Jesiden deshalb, aber das ist Şamu und den anderen traumatisierten Überlebenden jetzt egal. Xidîr, der neben Şamu sitzt, sagt: "Ich will überhaupt nicht mehr mit Muslimen zusammenleben."

Die Milizen entführten und ermordeten jesidische Männer, Frauen und Kinder, viele Mädchen und Frauen verkaufen sie als Sklavinnen auf dem Basar. Etwa 20.000 Jesiden konnten in die Türkei fliehen, nachdem sie neun Tage auf einem Berg auf Hilfe gewartet hatten.

Fidanlik heißt das Flüchtlingslager, in dem Xidîr und Şamu leben. Es liegt etwa 20 Kilometer außerhalb der Stadt Diyarbakır im kurdischen Südosten der Türkei. Der Regen hat das Weiß der Zelte zu Rotbraun verwaschen, sie sind von der Hauptstraße aus gut sichtbar und über einen Schotterweg zu erreichen. Die Flüchtlinge fürchten, IS-Sympathisanten könnten sie auch hier im Kurdengebiet der Türkei angreifen. Oder türkische Nationalisten. Oder kurdisch-nationalistische Islamisten, wie die sogenannte Kurdische Hisbollah, die in Diyarbakır aktiv ist.

Vergangenheit und Gegenwart der Jesiden ist eine Chronologie der Massaker, 73 zählen sie in ihrer Geschichtsschreibung. Längst vertrauen sie niemandem mehr in der Region. Hier wollen hier nicht bleiben, aber zurück nach Sindschar auch nicht. Zu groß ist die Angst vor dem IS, zu groß der Hass auf die Muslime dort. Die Jesiden hier wollen nur weg.

Traum von der Flucht nach Deutschland

"Am besten steigen wir alle gemeinsam ins Flugzeug und fliegen nach Deutschland", sagt Xidîr. Deutschland ist ihr Sehnsuchtsort. Genauer gesagt Celle. Dort lebt die zweitgrößte jesidische Gemeinde der Welt.  

"In Deutschland gibt es Menschenrechte", sagt Zerhan. Er ist 19 Jahre alt und erzählt, sie wollten bei der UN oder bei Unicef einen Antrag stellen. Was darin stehen soll? "Dass wir nach Deutschland müssen, weil wir hier nicht leben können." Wie sie sich die Reise vorstellen? Mit Schleusern? "Nein, wir haben überhaupt kein Geld." Wollen sie Asyl beantragen? Kurzes Schweigen im Zelt. Dann sagt Zerhan: "Weißt du, wir wollen dahin, wo wir frei sind. Wir wollen keinen Staat, wir wollen einfach rausgehen können, ohne Angst zu haben." Wie wollen sie nach Deutschland kommen? Wieder Stocken. "Nein, mit dem Flugzeug."

Angst vor Entwurzelung

Die Jesiden in Deutschland sind allerdings zwiegespalten. Sie wollen ihren Verwandten und Glaubensgeschwistern helfen, finden aber gleichzeitig, dass diese eher in den Irak gehören als nach Deutschland. Manche finanzieren ihnen eine Flucht, auch mithilfe von Schleusern. Andere, wie der Dolmetscher und Psychotherapeut Djengizkhan Hasso, sagen: "Jetzt alle Jesiden, die eigentlich im Nordirak zu Hause sind, nach Deutschland zu holen, ist keine Lösung." 

Jan Ilhan Kizilhan, Psychologe und Professor für Soziale Arbeit, hat sich in Baden-Württemberg dafür eingesetzt, etwa 1.000 Jesiden die Reise zu ermöglichen. Die Flugzeuge stünden bereit, sagt er. Vor allem sollten die Menschen hier medizinisch und psychologisch betreut werden. "Viele Frauen sind schwer traumatisiert. Sie bekommen hier eine Behandlung, auf die sie im Irak oder in der Türkei keine Chance haben." Doch sie sollten nicht für immer bleiben.