Am ersten Jahrestag des Beginns der proeuropäischen Proteste in der Ukraine ist Präsident Petro Poroschenko von Demonstranten ausgebuht worden. "Schande! Warum wurde niemand bestraft?", riefen mehrere Dutzend Angehörige von getöteten Demonstranten auf dem Unabhängigkeitsplatz Maidan. Viele Oppositionelle waren während des Polizeieinsatzes gegen die Revolution im Februar getötet worden.

Poroschenko rief sein Land zur Einigkeit auf. "Wir müssen zusammenstehen und uns mehr vertrauen", sagte er während eines Treffens mit Aktivisten in Kiew. Zehntausende hatten von November 2013 bis zum Frühjahr auf dem Maidan in der Hauptstadt demonstriert. Am jetzigen Gedenken nahmen auch Ministerpräsident Arseni Jazenjuk und US-Vizepräsident Joe Biden teil. Jazenjuk kündigte die Bildung einer neuen Regierung binnen zehn Tagen an. Zuvor hatten fünf proeuropäische Parteien einen Koalitionsvertrag geschlossen.

Am 21. November 2013 hatte die ukrainische Führung unter dem damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch ihren proeuropäischen Kurs auf Eis gelegt und sich stärker Russland zugewandt. Dies löste die Großdemonstrationen aus, die letztlich zu einem Machtwechsel führten.

Poroschenko legte an einem Mahnmal im Zentrum Kiews einen Kranz in Erinnerung an die mehr als 100 Menschen nieder, die bei dem Aufruhr getötet wurden. Der Präsident kündigte an, alle bei den Maidan-Protesten getöteten Menschen als "Helden der Ukraine" zu ehren. "Nur gemeinsam sind wir in der Lage, unser Land zu verbessern", sagte er.

Neue Regierung hat verfassungsändernde Mehrheit

Russland lehnt den Umsturz nach wie vor ab und hatte lange von einer Kiewer "Junta" gesprochen, erkennt die jetzige Führung aber an. Infolge der Maidan-Ereignisse annektierte Russland trotz internationaler Kritik und Protests aus Kiew die Halbinsel Krim. In der Ostukraine begann ein heftiger Bürgerkrieg zwischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten mit bisher mehr als 4.000 Toten. Auch am Freitag berichteten beide Seiten von neuen Kämpfen.

US-Vizepräsident Biden sagte in einem Gespräch mit Jazenjuk Agenturen zufolge, das ukrainische Volk habe mit den Maidan-Protesten "unglaublichen Mut" bewiesen. Er versprach die Unterstützung Washingtons für die Regierung in Kiew. Jazenjuk, der voraussichtlich als Regierungschef im Amt bleibt, berichtete Biden von den Fortschritten der Regierungsbildung.

Die proeuropäischen Sieger der Parlamentswahl von Ende Oktober einigten sich pünktlich zum Jahrestag auf einen Koalitionsvertrag. Fünf prowestliche Kräfte stimmten dem Text zu, darunter auch die neu gegründete Volksfront von Jazenjuk und die Vaterlandspartei von Ex-Regierungschefin Julija Timoschenko. Ebenfalls zur Koalition gehören die Radikale Partei des Populisten Oleg Ljaschko und die neu gegründete Partei Samopomoschtsch (Selbsthilfe). Jazenjuk zufolge verfügt die künftige Regierung über eine verfassungsändernde Mehrheit in der Obersten Rada.