Es ist noch keine acht Wochen her, dass die deutsche Öffentlichkeit von Meldungen aufgeschreckt wurde, wonach die Bundeswehr nur bedingt einsatzfähig sei.

Die Einzelheiten waren alarmierend. Von den 56 Transall-Flugzeugen nur 21 voll einsatzbereit; von den Tornado-Kampfjets ganze 36; von den 13 Patriot-Raketenabwehrsystemen gerade einmal 7; von den Hubschraubern nur ein Bruchteil; von 180 "Boxer"-Radpanzern bloß noch 110. Von 254 Flugzeugen der Bundeswehr, so hieß es, fliegen 150 nicht.

Der Schock saß tief. Er wird nicht dadurch gemildert, dass es anderswo nicht besser steht. Vor acht Tagen enthüllte Le Monde, dass die französische Armee, die 20.000 Militärs auf vier Kontinenten postiert hat und im Irak, in der Sahelzone und in Zentralafrika in Kämpfe verwickelt ist, unter gravierenden Mängeln leidet. Ihre Ausrüstung ist veraltet, einen Teil des Geräts mietet sie bei Privatfirmen an. Nur 60 Prozent des Heeres sind voll ausgebildet und ausgerüstet; der Rest braucht bis zur uneingeschränkten Einsatzbereitschaft sechs bis zwölf Monate.

Die Misere der französischen Streitkräfte ist genauso erschreckend wie die der Bundeswehr. Laut Le Monde sind nur 31 Prozent der Panzer einsatzfähig; 30 Prozent der Flugzeuge, 44 Prozent der Hubschrauber; 50 Prozent der Fregatten und 58 Prozent der Unterseeboote. Die Piloten der Luftwaffe fliegen nur 150 Stunden im Jahr (Nato-Standard: 180 Stunden), die Schiffe der Marine sind nur 80 Tage auf See (Nato-Standard: 100 Tage).

Bei der Operation Serval in Mali litten die Soldaten unter Wassermangel, anfangs fehlte es an Wüstenstiefeln und es gab keine klimatisierten Zelte. Auch kam es vor, dass der Sold nicht ausbezahlt werden konnte, weil das Computersystem Louvois nicht funktionierte. Wegen der Begrenztheit der Mittel konnten auch nur 2.000 anstelle der von der Militärführung für nötig gehaltenen 5.000 Mann in die Zentralafrikanische Republik entsandt werden. In vieler Hinsicht hilft nach den Worten des Generalstabschefs Pierre de Villiers nur la debrouillardise française – Durchwurstelei, um zurechtzukommen. "Das Resultat", so Le Monde: "Die Streitkräfte sind à l’os" – bis auf die Knochen abgemagert. Oder auf gut Deutsch: Sie gehen auf dem Zahnfleisch.

Ähnliche Töne sind auch aus anderen europäischen Hauptstädten zu vernehmen. Überall wird der Widerspruch zwischen Zwecken und Mitteln spürbar. Auch in England klagt der Chef des Verteidigungsstabes: Wenn es so weitergeht, könnten die britischen Streitkräfte zu einer "hollow force" werden.

Überall sind die Verteidigungsetats in den zurückliegenden 20 Jahren kräftig gestutzt worden. Die "Friedensdividende" erschien gerechtfertigt. Der Kalte Krieg war vorüber, neue Bedrohungen am Horizont nicht zu erahnen. Doch die Lage hat sich dramatisch verändert. Ich stimme dem Leitartikler von Le Monde zu: Ein so kriegerisches Umfeld hat die Europäische Union seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes noch nie erlebt: die dschihadistische Herausforderung im Mittleren Osten und in Teilen Afrikas, dazu den Krieg in der – um die? – Ukraine. Europa aber, so pointiert er, ignoriert das kollektiv, ja: es pfeift darauf.

Die Welt wird unübersichtlicher, unberechenbarer, gefährlicher. Die Zone der Instabilität rückt der europäischen Friedenszone näher: in der Levante, in Nordafrika, in der Ukraine. Zugleich relativiert der Aufstieg Asiens (das mittlerweile mehr für Verteidigung ausgibt als die EU) das militärische Gewicht des Westens.

Darauf nicht zu reagieren, wäre ein Fehler von historischer Tragweite. Zu glauben, die Europäer könnten darauf nur national reagieren, jedes der 28 EU-Mitglieder nach Gutdünken, wäre eine sträfliche Fehleinschätzung. Für sich allein wird keiner es schaffen, die Änderungen in der Sicherheitspolitik zu vollziehen, die der Europäischen Union das Ansehen, das Gewicht und die Entwicklungsmöglichkeiten zuwachsen lässt, die sie braucht, um nicht zum Spielball der aufstrebenden Mächte zu werden. Es ist kein Verlass darauf, dass sie uns gegenüber nur gute Absichten hegen. Jedenfalls sollte Europa sie auf keinen Fall durch seine Schwäche auf dumme Ideen bringen. Was tun?

Der Wunsch der Franzosen ist verständlich: dass die EU die finanziellen Militäraktionen in der Sahelzone als europäische Sicherheitsaufgabe begreift und sich personell und finanziell daran beteiligt. Darüber kann geredet werden. Doch bleibe ich dabei: Die Europäer sollten endlich ernst machen mit dem Aufbau einer europäischen Armee auf der Grundlage einer gemeinsamen Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Pooling and Sharing oder Smart Defense – wir haben uns schon viel zu lange damit beschäftigt. Jetzt sollten wir die Latte höher hängen. Wenn Europa ein ernst zu nehmender sicherheitspolitischer Faktor in der Weltpolitik bleiben will, muss es endlich gemeinsam planen und handeln.