Als ich vor Kurzem in Istanbul mit dem linken Fuß vom engen Bürgersteig auf die Fahrbahn rutschte und ein Autoreifen zwei Millimeter an meinem Fuß vorbeirollte, kam ich nach kurzer Schrecksekunde ins Nachdenken über das Prinzip des Bürgersteigs. Den gibt es nämlich in der Türkei nur an manchen Orten und oft sehr eingeschränkt. In manchen anderen Ländern der Welt gibt es gar keine Bürgersteige. Und das sagt einiges über Gesellschaft und Politik in diesen Ländern.

Aber zunächst zu der Frage, warum ich überhaupt auf die Fahrbahn geriet. An diesem schönen Morgen lief ich zur U-Bahn, entlang einer hoffnungslos verstauten Straße. Viele hatten dieselbe Idee wie ich und trotteten auf einem kaum zwei Meter breiten Bürgersteig neben mir lang. An einer Stelle hatte jedoch ein Kioskbesitzer seinen Kiosk auf den Bürgersteig so verlängert, dass die Fußgänger nur noch auf einem knappen Meter zwischen Kioskwand und Bordstein balancierten. Da rutschte ich weg. Meine Schuld, ich hätte besser aufpassen sollen.

Der Bürgersteig in der Türkei ist nämlich nicht unbedingt für die vorbeilaufenden Bürger gedacht. Es ist ein Raum, der im Verständnis vieler Türken niemandem richtig gehört, also zur Aneignung freigegeben ist. Der Cafébesitzer stellt seine Tische und Stühle auf den Bürgersteig. Wenn die Passanten deshalb auf die Fahrbahn ausweichen müssen, ist das ihre Sache. Sie sollten mal besser einen Tee bei ihm trinken. Der Kioskbesitzer holt sich auf dem Gehsteig noch den entscheidenden Meter Lagerraum für Zeitungen und Kaugummis. Der Obstverkäufer bietet Äpfel aus Amasya und Orangen aus Antalya feil. Wer wollte da was dagegen haben?

Oft wird ein Teil des Bürgersteiges mit Kisten und Bändern auch nur freigehalten für den Fall, dass ein Privatmann ihn eventuell brauchen könnte. Mit einem Stuhl oder einem Plastikpömpel wird zugleich der Parkplatz vor dem Bürgersteig reserviert. Wer hat nicht gern einen Parkplatz vorm Haus in einer 11-Millionen-Stadt? Alles, was nicht mit Zäunen und Mauern gesichert wird, ist Allmende, die zur Privatisierung bereitsteht.

Der Zustand der meisten Istanbuler Bürgersteige lässt darauf schließen, dass die Stadt das ebenso sieht. Ständig wechseln die Gehplatten, oft haben Privatleute vor ihrem Haus Fliesen bis an die Straße verlegt, manchmal auch nur Küchenkacheln, die bei Regen zur flotten Rutschbahn werden. Einige Bürgersteige fallen stark ab oder haben tiefe Löcher. Manchmal wächst ein Baum in der Mitte, an dem kein Kinderwagen vorbeipasst. Wenn kein Baum auf dem Gehsteig steht, ist wenigstens Platz für parkende Autos.

Vergleicht man die Istanbuler Bürgersteige mit anderen Gehsteigen in der Welt, fällt auf: In Berlin sind Bürgersteige breit und meist für die Bürger reserviert. In Paris sind sie manchmal eng, aber gut in Schuss. In Washington müssen alle Gehsteige per Gesetz behindertengerecht sein. In Bagdad sind die Bürgersteige noch schlechter und privater als in Istanbul. In Moskau sind Bürgersteige nur für Geländewagen gebaut, damit die am Stau vorbeikommen. In Afrika und Asien haben viele Städte gar keine Bürgersteige. Es gibt also so etwas wie ein Ost-West-Gefälle der globalen Bürgersteige.

Und das hat mit dem Staat zu tun. Wer hat Vorfahrt: der Bürger oder derjenige, der sich sein Recht nimmt? Der Bürger oder der Untertan, der der Macht gefällt?

In Istanbul fahren Polizeiwagen an Stühlen auf der Fahrbahn und riesigen Verkaufsständen auf dem Bürgersteig achtlos vorbei. Sie greifen nur dann ein, wenn gegen den raumgreifenden Händler etwas Anderes vorliegt. Wenn er in der augenblicklichen Großwetterlage die falsche Zeitung liest, das Falsche sagt oder sich zu einer falschen Partei bekennt zum Beispiel. Sonst ist alles in Ordnung. Die Aneignung öffentlichen Raumes wird nicht als Problem gesehen. Macht es nicht jeder so?

Schauen wir uns den türkischen Präsidenten an. Tayyip Erdoğan war seiner Residenz überdrüssig und wollte gern einen neuen Palast haben. Da, wo der Palast stehen sollte, befand sich leider ein großer Park. Er wollte aber so gern einen Palast, also ließ er ihn bauen. Die Gerichte verboten die widerrechtlichen Arbeiten in Ankaras "Atatürk-Wäldchen". Erdoğan lachte: "Dann sollen die Richter den Bau mal stoppen." Nun ist der Präsident eingezogen in sein Schloss, das er Aksaray, den Weißen Palast, nennt. Und viele Kioskbesitzer der Türkei bewundern ihn dafür.