Ich nehme den Bus nach Abu Dis.

Es ist eine großartige Strecke. Wir fahren durch ein grandioses Panorama von Bergen, die nahtlos ineinander übergehen, als wollten sie die Heilige Stadt mit einer majestätischen Demonstration der Stärke beschützen. In den Ortschaften, die wir auf dem Weg zur Al-Quds-Universität passieren, sehe ich hier und da Hakenkreuze in verschiedenen Größen und Farben. Auf einen syrienliebenden Deutschen wie mich wirken sie natürlich fantastisch.

Falls ich es noch nicht erwähnt habe: Ich trage heute wieder meine syrische Baseballmütze, und die palästinensischen Jugendlichen, die gelegentlich Freude daran haben, Steine auf israelische Soldaten zu werfen, jubeln mir zu, wenn ich an ihnen vorbeifahre. "Syrien", rufen sie.

Am Eingang der Al-Quds-Universität höre ich, dass die israelische Armee gestern auf das Universitätsgelände vordringen wollte, jedoch von Wachen und Studenten aufgehalten wurde. Es kam zu einem Kampf, dann waren die Soldaten drinnen.

Tuvia Tenenbom: Allein unter Juden (suhrkamp nova, 2014) © Suhrkamp Verlag

Keine Ahnung, ich war nicht hier, bin gerade erst angekommen.

Alle palästinensischen Studentinnen tragen Hidschab. Die Frauen ohne Hidschab sind ausnahmslos Ausländerinnen. Al-Quds und das amerikanische Bard College, erfahre ich, sind Partneruniversitäten. Ich hätte mich gerne ausführlicher mit den Amerikanern unterhalten, will aber den internationalen Menschenrechtswettbewerb nicht verpassen.

Es gibt nur ein kleines Problem – ich kann ihn nicht finden. Wo findet der internationale Menschenrechtswettbewerb statt? frage ich einen dicken Mann, der gerade vorbeiläuft.

"Gehen Sie da rüber", er zeigt auf eine Gruppe von vier Männern, "das sind Menschenrechtsprofessoren."

Ich frage die vier. Sie wissen nichts von einem Wettbewerb. Da ich aber einmal hier bin, würde ich das Thema liebend gerne mit Ihnen diskutieren.

Sie wären nur zu gerne bereit, sich mit mir zusammenzusetzen und zu reden, aber ihre Seminare beginnen in wenigen Minuten. Menschenrechtsseminare, versteht sich.

Ich gehe zur Pressestelle der Universität, wo mir Rula Jadallah weiterhilft.

Wo finde ich die Menschenrechtsseminare? frage ich Rula.

Sie ruft diverse Fachbereiche an, sieht in Vorlesungsverzeichnissen nach, findet aber nirgendwo an dieser Universität um diese Uhrzeit ein Menschenrechtsseminar.

Die Professoren haben mir leider ein Märchen erzählt.

Sauer bin ich deswegen natürlich nicht. Im Nahen Osten geht es nur um Märchen, nie um die Wirklichkeit.

Hinter Rulas Tisch hängt ein Brief von USAID an der Wand sowie ein weiteres Schreiben, das eine Bewilligung der US-Regierung von 2.464.819 US-Dollar für das Jahr 2006/2007 ankündigt. "Das ist das einzige Mal, dass wir Geld von den Vereinigten Staaten für dieses Programm bekommen haben", berichtet Rula mir. Deutschland aber ist gut. Das Nanotechnologie-Labor dieser Universität wurde von Deutschland gesponsert, verrät Rula diesem Deutschen mit einem Lächeln.

Weiß Rula irgendetwas über den Menschenrechtswettbewerb, der heute an dieser Universität stattfinden soll? Nein. Oder besser gesagt, ja, sie weiß etwas: Von einem Wettbewerb gibt es weit und breit keine Spur.

Ich sage ihr, dass ich den Hinweis auf einen in diesem Moment stattfindenden Wettbewerb auf der Homepage der Universität entdeckt habe. Rula geht auf die Homepage ihrer eigenen Universität und findet dort einen Wettbewerb. Also, gibt es ihn, oder gibt es ihn nicht? Die Antwort lautet: Ja und nein. Ja im Cyberspace. Nein in der Realität. Warum kündigt die Universität etwas an, das nicht existiert? Dämliche Frage! Der Wettbewerb wird gesponsert, nur bemüht sich außer diesem Syriendeutschen kein anderer Europäer bis nach Abu Dis, um an so etwas teilzunehmen.

Das Leben ist eine Fiktion. Punkt. Und Rula lacht jetzt. Die beste Öffentlichkeitsarbeit, stelle ich fest, ist Lachen.

Ich sinniere über den Unterschied zwischen Arabern und Juden. Wenn Araber sich etwas aus den Fingern saugen, dann tun sie es mit einem Lachen ab, sobald man ihnen auf die Schliche kommt. Juden wie der Atheist Gideon oder der gläubige Arik aber werden dann sehr unentspannt.

Wie können Juden selbst in ihren wildesten Fantasien auf den Gedanken kommen, dass sie in den grausamen und lustigen Landschaften dieses Nahen Ostens überleben könnten? Vielleicht leben deshalb hier seit so langem Araber, während die Juden alle 2000 Jahre auf einen Sprung vorbeischauen, für eine kurze Verschnaufpause nach einem Auschwitz.

Der Süden Israels, habe ich irgendwann gehört, sei anders. Vielleicht sollte ich da einmal vorbeischauen und mir anhören, wie sie dort über Krieg und Frieden denken.