Inzwischen brennt es wieder lichterloh im Osten der Ukraine. Kolonnen von Militärfahrzeugen mit Panzern, schwerer Artillerie und Truppen haben die russisch-ukrainische Grenze überquert, so berichten Nato und OSZE. Die Gefechte zwischen den Truppen Kiews und den Separatisten verschärfen sich, die Minsker Vereinbarung über eine Waffenpause vom 5. September ist längst hinfällig.

 Spricht man in diesen Tagen mit Regierungsmitgliedern oder hohen Militärs, dann spürt man tiefe Frustration und Ratlosigkeit. Haben nicht gerade die Deutschen alles versucht? Hat die Kanzlerin nicht 36 Mal mit Putin telefoniert, hat sie nicht stundenlang mit ihm persönlich gesprochen? Alles ergebnis- und folgenlos. 

Die Frage ist: Liegt das allein an den Russen? Folgt die Ukraine-Krise nicht längst einer gefährlichen eigenen Eskalationslogik? Und muss nicht auch der Westen konstruktive Zeichen setzen, damit die Dinge nicht außer Kontrolle geraten?

Das heißt nicht, das schon morgen die Sanktionen aufgehoben werden sollten. Aber es  sollten endlich klare Kriterien genannt werden, nach denen die wirtschaftlichen Strafmaßnahmen eines Tages wieder beendet werden könnten. Glücklicherweise haben die EU-Außenminister am Montag dieser Woche die Sanktionen nicht ein weiteres Mal verschärft.

Man sollte die Worte Michail Gorbatschows ernst nehmen, der vor einem Rückfall in den Kalten Krieg warnt. Helmut Kohl, Henry Kissinger und Hans-Dietrich Genscher äußern sich ähnlich.

Die Gefahr einer neuen Eiszeit wächst tatsächlich von Tag zu Tag. Moskau schickt strategische Fernbomber vor die Küste Portugals und in den Golf von Mexiko und lässt zum G-20-Gipfel vier Kriegsschiffe vor Australien kreuzen.

Russlands Verteidigungsminister Sergej Schojgu kündigt an, auf der annektierten Krim werde künftig eine Heeresgruppe mit 40.000 statt bisher 25.000 Soldaten stationiert. Er begründet dies mit der "antirussischen Stimmung" bei der Nato.

Die Nato ihrerseits beschleunigt den Aufbau einer neuen Schnellen Eingreiftruppe. Die auf dem Gipfel des westlichen Bündnisses in Wales beschlossene "Speerspitze" soll nun schon Anfang 2015 auf den Weg gebracht werden, berichtet die Welt.

Zum Kalten Krieg mag noch einiges fehlen, aber das Feindbild ist wieder klar. "Er will in die Geschichte eingehen als ein Anführer, der Territorium zurückgewonnen hat", sagt der estnische Verteidigungsminister Sven Mikser über Wladimir Putin. "Er will ein russisches Imperium des 21. Jahrhunderts. Die Ukraine ist ein unverzichtbarer Teil davon, möglicherweise gehören auch andere Nachbarländer dazu."

Dagegen hilft nur Abschreckung, glauben viele im Westen. Schon sind Großmanöver im Osten Europas geplant. "Wir haben gesehen, dass Präsident Putin die russischen Streitkräfte schlagfertiger gemacht hat und dass die russischen Truppen verdammt schnell sind", erklärt der deutsche Vier-Sterne-General Hans-Lothar Domröse.

Auf diese Manöver wird dann wieder Moskau mit militärischen Muskelspielen reagieren. Und die Eskalationsspirale dreht sich immer schneller.

Wirklich besorgniserregend ist die gegenwärtige Sprachlosigkeit. In der Politik gibt es derzeit offenbar keine verlässlichen back channel, in denen nach Kompromissen gesucht werden kann. Nicht einmal die Militärs reden noch miteinander. Dabei gibt es seit 1997 einen Nato-Russland-Rat. Doch der hat seit Monaten nicht getagt.

Warum eigentlich nicht? Mag ja sein, dass Putin aus Sicht der Nato kein "strategischer Partner" mehr ist – umso wichtiger ist das Gespräch mit ihm. Oder wollen wir zurückkehren zu der Zeit, als ein rotes Telefon das Schlimmste verhindern sollte?